Als Gastgeber des G-8-Gipfels ab kommendem Sonntag hatte Chirac sich und den anderen führenden Industriestaaten zwar ein ehrgeiziges Programm auf die Agenda gesetzt. Wirtschaftsankurbelung und Umweltpolitik, Hilfe für Afrika und Trinkwasserversorgung für die Ärmsten gehören dazu. Aber schon im Vorfeld des G-8-Konzerts am Genfer See ist dem Franzosen klar geworden, dass er Probleme mit dem Solisten aus den USA haben wird.
Als US-Außenminister Colin Powell nach Paris flog, um das Treffen trotz der tiefen Verstimmung zwischen Franzosen und Amerikanern vorzubereiten, legte er Präsident George W. Bushs Evian-Partitur vor: internationaler Kampf gegen Terrorismus, Zukunft des Irak sowie die Nichtweiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Das sieht fast so aus, als hätten Bush und Chirac zwei verschiedene Konferenzen vor sich. Im Elysée-Palast spricht man von „Realismus“ , der eingekehrt sei. Der Krieg habe Nebenwirkungen gezeigt: „Wir hätten den Amerikanern unsere Pläne für Evian in kleinen Dosen nahe bringen müssen, das ging dann aber in diesen Monaten gar nicht mehr.“
„Ganz wie ein Schulmeister“ habe Powell den Franzosen zu verstehen gegeben, dass ihre Zustimmung zur Nachkriegsordnung im Irak dem schlechten Schüler noch einmal eine Chance gebe, kritisierte die Pariser „Le Monde“ . Das Kriegsbeil wegen des Irak-Konflikts sei noch nicht begraben. Dass der Himmel über Evian für Chirac - und für die EU-Belange bei Agrar, Handel, Umwelt und Konjunktur - nicht voller Geigen hängt, geht jedoch über den Irak-Streit hinaus.
Schon Chiracs Idee, vor dem Gipfel Schwellenländer und die großen internationalen Organisationen zu einem Meinungsaustausch zu laden, dürfte kaum nach Geschmack des „Unilateralisten“ aus dem Weißen Haus sein. Frankreichs Präsident ist Befürworter des „multilateralen Weges“ und sieht die Globalisierung mit kritischen Augen.
„Ganz klar“ will Chirac in Evian sagen, wie wichtig ihm der Kampf gegen den Treibhauseffekt ist - vor allem das von Bush abgelehnte Kyoto-Protokoll. In diesem Zusammenhang wird Frankreichs Präsident erneut für eine internationale Umweltbehörde plädieren. Auch in der Frage der Agrarsubventionen und beim geplanten Gesundheits-Aktionsplan hat eine konzertierte Abstimmung am Genfer See einige Hürden vor sich.
Kühler Realismus prägt jetzt die Beziehungen zwischen Paris und Washington. Gegen den Terrorismus ziehen der Gastgeber und der Gast aus Washington an einem Strang, auch bei dem von beiden als dringend eingestuften „Signal für die Weltwirtschaft“ , das Evian in maroden Konjunkturzeiten geben soll. Tauwetter scheint damit noch nicht angesagt. Powell: „Wir werden unsere gesamte bilaterale Politik überprüfen müssen.“