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| 18:33 Uhr

Interview
Die große Freiheit auf der Straße ist vorbei

Lars Bosse leistet als Geschäftsführer von LBC management Support Hilfestellung in Sachen Unternehmensführung. Er gilt zugleich als Experte in der Logistik-Branche, war Hauptgeschäftsführer der Außenhandelskammer in Warschau.
Lars Bosse leistet als Geschäftsführer von LBC management Support Hilfestellung in Sachen Unternehmensführung. Er gilt zugleich als Experte in der Logistik-Branche, war Hauptgeschäftsführer der Außenhandelskammer in Warschau. FOTO: Ch. Taubert / LR
Cottbus. Der Logistik-Experte erklärt im RUNDSCHAU-Interview die Misere bei Lkw-Fahrern, die Chancen in Osteuropa und attraktive Anreize. Von Christian Taubert

Die Logistikbranche steht bundesweit vor einer gewaltigen Herausforderung: Es gibt immer weniger Lkw-Fahrer. Jährlich gehen 50 000 von ihnen in den Ruhestand. Es kommen aber nur rund 10 000 Neuanfänger hinzu. Selbst in Polen ist der Markt leer gefegt. Die IHK Cottbus berät deshalb heute mit Unternehmern zum Thema „Wer fährt die Trucks von morgen?“. Die RUNDSCHAU fragte dazu Referent Lars Bosse, Geschäftsführer der LBC management Support und Ex-Hauptgeschäftsführer der Außenhandelskammer in Warschau.

Herr Bosse, warum ist die Logistik-Branche in diese prekäre Situation geraten?

Bosse Nach meiner Einschätzung nach fehlen viele junge Leute, die einen Lkw-Führerschein über den Wehrdienst gemacht haben. Die Branche hatte über Jahre das Glück, dass sie ausgebildete Leute relativ günstig auf dem Markt bekommen habe. Immerhin kostet der Lkw-Fahrschein rund 10 000 Euro. Ich will keine Schelte betreiben, aber eine gewisse Unbedarftheit hat es da schon gegeben.

Sehen Sie weitere Gründe?

Bosse Natürlich ist der Gesamtbedarf an Transportleistungen deutlich gestiegen. Vor Jahren ging immer das Gerücht um, dass etwa ein Drittel der Lkw leer seien. Das ist nicht mehr der Fall. Vielmehr hat der Transportbedarf nicht nur durch die Internetbestellungen massiv zugenommen. Das heißt: Während es immer weniger Truckerfahrer gibt, ist der Bedarf deutlich gestiegen.

Dabei hat die Politik doch seit Jahrzehnten den Anspruch, mehr Güter auf die Schiene zu verlagern . . .

Bosse Das ist richtig. Aber der letzte Meter vor dem Unternehmen oder dem Haus muss auf jeden Fall per Lkw geschehen. Zudem ist der Lkw flexibler als die Schiene. Was auch daran liegt, dass die Schiene einer Geografie folgt, die mehr als hundert Jahre alt ist. Und es fehlen innovative Lösungen – etwa, um Züge oder Güter schneller zusammenstellen zu können. Hinzu kommt, dass die Lkw seit mehr als einem Jahrzehnt als mobile Lager genutzt werden und ihre Fracht direkt in die Verarbeitung geht.

Hat die Branche über Jahre zu sehr auf das Potenzial an Berufskraftfahrern aus Osteuropa vertraut?

Bosse Ich glaube nicht. Was wir heute bei der IHK Cottbus besprechen wollen – Truckerfahrer nach Deutschland zu holen –, ist als Thema noch nicht so alt. Und: Lkw-Fahrer aus Polen zu gewinnen, ist zurzeit ebenso kompliziert. Denn es fehlen im Nachbarland zurzeit 10 500 Lkw-Fahrer.

Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen?

Bosse Auch in Polen wächst der Bedarf. Hinzu kommt, dass alle versuchen, einen sozialen Aufstieg durch Bildung zu schaffen. Das ist ihnen in der neuen Zeit leichter möglich. Und wer möchte da noch einen Lkw fahren. Wenn es die Alternative gibt, statt einen 22-Tonner durch Europa zu fahren, in der Fabrik zu arbeiten, gut zu verdienen und abends bei der Familie zu sein – da fällt die Entscheidung oft nicht schwer.

Ist es richtig, dass in Polen Truckerfahrer weiter im Osten gesucht werden?

Bosse Ja, Polen führt gegenwärtig eine sogenannte Polcard ein. Sie richtet sich an eine polnisch-stämmige Minderheit in Weißrussland und der Ukraine. Den Leuten wird auf diese Weise die polnische Staatsangehörigkeit gegeben. Sie können damit nach in Polen einreisen und dort arbeiten.

Was deutschen Logistikern eher nicht hilft . . .

Bosse Wenn es für diese Gruppe attraktiv wird, hierzulande Truckerfahrer zu sein, dann scheint ein Durchlotsen nach Deutschland nicht ausgeschlossen zu sein. Für die Löhne, die sie dort bekommen, werden sie nicht von ihren Familien weggehen.

Was hält junge Leute ab, Lkw-Fahrer zu werden?

Bosse Neben der Trennung von Familie oder Freundin muss man anerkennen, dass dies ein Knochenjob ist. Man ist von Sonntagabend an eine ganze Woche und länger unterwegs. Denn es sind längst Routen, die gefahren werden, nicht mehr die Fahrt von A nach B. Die große Freiheit auf der Straße geht wohl zu Ende.

Welche Chancen sehen Sie für die Branche, aus dieser Misere zu kommen?

Bosse Da ist schon der Blick nach Osteuropa. Aber ich werde die Unternehmer vor allem darauf hinweisen, ein attraktives Gesamtangebot zu schnüren und damit zu werben. Aus meiner Sicht muss das eine Kombination aus Lohn, Freizeit und auch Sonderleistungen sein. So könnte es für in Deutschland arbeitende Polen interessant sein, das deutsche Gesundheitssystem nutzen zu können.

Auch könnten Firmenwohnungen ein Anreiz sein. Man muss sich die Perspektive klar machen, wa­rum Osteuropäer ihre Heimat für einen Truckerjob in Deutschland verlassen sollen.

Mit Lars Bosse
sprach Christian Taubert