Mohammed el Baradei überraschte seine Zuhörer. "Schon in der nächsten Woche, oder so" könne eine politische Lösung im Atomstreit mit dem Iran erreicht werden, sagte der Chef der Internationalen Atomenergie-Organisation vor Beginn der Gouverneursratssitzung gestern in Wien. In den vergangenen Wochen seien bei den Verhandlungen über die Aufgabe des iranischen Atomprogramms "große Fortschritte gemacht worden". Doch mit seiner Einschätzung blieb der Friedensnobelpreisträger zunächst ziemlich allein. Vor der wichtigen Debatte über die iranische Atompolitik dominierte in Wien allgemeine Skepsis.

Bislang kein Einlenken Teherans
Zwar haben Teheran und Russland bei ihren Verhandlungen über die geplante Urananreicherung auf russischem Boden in den vergangenen Wochen Annäherung erzielt, zwar hat der iranische Chefunterhändler Ali Laridschani gewisses Einlenken signalisiert, doch in der entscheidenden Frage zeichnet sich noch kein Kompromiss ab. Es geht um die Forderung der EU, der USA, aber auch Moskaus nach einer vollständigen Aussetzung aller iranischen Anreicherungsaktivitäten. Bis zu einer umfassenden Lösung des Streits will Teheran bisher nicht nachgeben. "Wir haben uns für unseren Weg entschieden und werden auf diesem legitimen Weg weiterschreiten und uns keinem Druck beugen", bekräftigte der iranische Präsident: "Das politische Tamtam des Westens wird nicht den geringsten Einfluss auf unsere Entscheidung haben!"

Streit um Zahl der Gaszentrifugen
El Baradeis Optimismus gründet - wie es in Kreisen der IAEO heißt - auf Berichten, wonach Teheran zu Zugeständnissen bereit ist, wenn es um sein atomares Forschungsprogramm geht. Doch auch hier gehen die Positionen nach wie vor weit auseinander: Während der Iran auch künftig Urananreicherung mit bis zu 3000 Gaszentrifugen fordert, ist dies für die Unterhändler der EU, aber auch für Russland indiskutabel: Mit 3000 Zentrifugen lässt sich genug Uran für den Bau von zwei Atombomben pro Jahr hoch anreichern, sagte ein IAEO-Experte. "Dies kann man beim besten Willen nicht mehr Forschung und Entwicklung nennen", kommentierte ein Beamter des US-Außenministeriums. Iran müsse sämtliche Arbeiten zur Urananreicherung stoppen. Auch die Außenminister des EU-Trios (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) bekräftigten, dass die Urananre icherung zu Forschungszwecken für die Europäer nicht infrage komme.
Dennoch wird bei der UN-Atombehörde in Wien nicht mehr ausgeschlossen, dass sich beide Seiten in diesem wichtigen Punkt noch einigen könnten. Denn ohne einen Kompromiss in dieser Frage, so iranische Beobachter in Teheran, dürfte ein Kompromiss im Atomstreit unmöglich sein. Anlass zur Hoffnung bot unter anderem Chefunterhändler Laridschani. Er meinte bei einer Pressekonferenz am Sonntag - versteckt in einem Nebensatz: "Atomforschung ist keine Frage der Masse, sondern der Klasse."
Dies wiederum führte in Wien zu Spekulationen, Teheran könnte sich letztlich doch mit der Anreicherung kleiner Mengen von Uran zufrieden geben. Schon jetzt arbeiten iranische Atomtechniker in Natans mit etwa 20 Gaszentrifugen. "Mit einer solchen Zahl braucht es vermutlich bis in alle Ewigkeit, um Uran für eine Bombe zu gewinnen", meint Ollie Heinonen, stellvertretender IAEO-Chef. Doch ob sich der Iran mit einem solchen "Trostpflaster" abgeben würde, um das Gesicht zu wahren, wird bezweifelt. Und selbst wenn ein solcher Kompromiss für die EU akzeptabel wäre: Auch die US-Regierung in Washington müsse einen solchen Kompromiss mittragen.

Zum Thema Weiter Öl-Lieferungen
 Trotz der Atomkrise will der Iran nach eigenen Angaben ein "verlässlicher" Öl-Lieferant bleiben. Der Iran habe immer darauf bestanden, dass er eine "sichere Quelle" für Energielieferungen an die Welt sei, sagte gestern der iranische Vertreter bei der Organisation Erdöl exportierender Staaten (Opec), Hossein Kasempur Ardebili, laut der Nachrichtenagentur Isna in Teheran. Am Sonntag hatte der iranische Atomunterhändler Ali Laridschani Befürchtungen geweckt, das Land könne der Welt den Ölhahn abdrehen. Er hatte angedeutet, wenn sich der Atomstreit verschärfe, werde Iran "die Waffe Öl" gegebenenfalls einsetzen. Iran ist der viertgrößte Erdölproduzent der Welt.