Einst war Haitis Präsident Jean Bertrand Aristide eine karibische Heldenfigur. Von den Armen wie ein Messias verehrt, stürzten ihn finstere Militärs und jagten ihn ins Exil. US-Präsident Bill Clinton setzte 1994 gut 20 000 Soldaten in Marsch, um ihn wieder ins Amt einzusetzen. Inzwischen ist ungewiss, ob Aristide den 10. Jahrestag seiner Rückkehr nach Port-au-Prince noch in Haiti erleben wird. Immer mehr frühere Anhänger haben sich abgewandt.
Seit Monaten fordert die bürgerliche Opposition mit immer neuen Demonstrationen den Rücktritt des Präsidenten, dessen Wiederwahl Ende 2000 sie nicht anerkannt hatte. Seit der vorigen Woche hat Aristide die Kontrolle über einen Teil seines Landes verloren. In der strategisch wichtigen Stadt Gonaïves herrschen jetzt bewaffnete Rebellen. Bei ihnen handelt es sich um frühere radikale Anhänger des Staatschefs, die ihm dabei halfen, die bürgerliche Opposition zu unterdrücken. Nach der Ermordung ihres Anführers Amiot Métayer wechselten sie im vorigen Jahr die Seiten.
Der 50-jährige Aristide war einst ein Armenpriester und wurde wegen seiner linksradikalen Positionen aus dem Salesianerorden ausgeschlossen. Er engagierte sich im Kampf gegen den 1986 gestürzten Diktator Jean Claude Duvalier; Ende 1990 wurde er bei den ersten freien Wahlen zum Präsidenten gewählt. Zwischen seiner ersten und zweiten Amtszeit regierte sein Freund René Preval, der als Marionette Aristides galt.
Seine Gegner werfen Aristide Demagogie und eine Missachtung demokratischer Institutionen vor. Der redegewandte Politiker, der mehrere Sprachen spricht, hat sich mit seinem Charme im Ausland zwar gewisse Sympathien erworben. Doch die Opposition will sich auf keine Verhandlungen mit ihm mehr einlassen, weil Aristide sich an keine Absprachen halte. Auch die Voraussetzungen für freie Wahlen sind nach ihrer Ansicht nicht gegeben, solange Aristides Schlägertrupps Jagd auf Oppositionelle machten. Sie werfen ihm außerdem vor, dass er es in kurzer Zeit zu immensem Reichtum gebracht habe und die Drogenmafia im Lande frei schalten und walten lasse.
"Die einzige Lösung der Krise ist der sofortige Rücktritt Aristides. Doch er wird immer noch von der internationalen Gemeinschaft gestützt", klagte Gerard Pierre Charles von der Opposition. Viele Regimegegner vermuten, dass den USA ein Sturz Aristides nicht gelegen komme, da sie dann noch mehr Chaos und Anarchie fürchteten. "Ich glaube wirklich nicht, dass wir die Gewalt dort mit drei Telefonanrufen stoppen könnten", sagte Richard Boucher, Sprecher des US-Außenministeriums.