Pünktlich zum Ende der Bieterfrist für die Lausitzer Vattenfall-Kraftwerke und -Tagebaue war Greenpeace am Dienstagmittag in die Öffentlichkeit gegangen. Man habe eine Interessenbekundung für den Erwerb des deutschen Braunkohlegeschäftes abgegeben, erklärte Annika Jacobson, Chefin des schwedischen Ablegers der Umweltorganisation, und verkündete: "Wir werden eine ernsthafte Diskussion mit Vattenfall über den Kauf führen."

Doch ob Vattenfall, der Energiekonzern in schwedischem Staatsbesitz, sich mit Greenpeace überhaupt dazu an einen Tisch setzen wird, scheint äußerst fraglich. Denn nirgendwo gibt die Umweltorganisation bisher zu erkennen, wie sie sich so einen Deal konkret vorstellt.

Wer soll als Käufer auftreten? Die gemeinnützige Umweltorganisation selbst kann es nicht sein. Woher soll das Geld dafür kommen? Was soll aus den 8000 Vattenfall-Jobs in der Lausitz werden? In einem Interview mit Jacobson im Greenpeace-Magazin gibt es zu all diesen Fragen keine klaren Antworten.

Über eine Finanzierung "informiere" Greenpeace sich gerade, so die Umweltaktivistin. Und für den Fall des Erwerbs kündigte sie nur so viel an: "Alles, was wir bisher wissen, ist, dass wir die Kraftwerke schließen und den Kohleabbau stoppen." Und was aus den 8000 Vattenfall-Mitarbeitern in der Lausitz werden soll, weiß Jacobson auch nicht: "Auch hier haben wir noch keine Pläne."

Greenpeace Deutschland wird auf eine umfangreiche RUNDSCHAU-Anfrage zu den Kaufabsichten ebenfalls nicht konkreter. Erst der Einblick in die Geschäftsunterlagen des Konzerns ermögliche weitere Überlegungen, so Susanne Neubronner, Kampaignerin Klima & Energie. Um überhaupt so weit zu kommen, müsste Greenpeace jedoch schon einige Anforderungen erfüllen. Diese Geschäftsbedingungen studieren die schwedischen Aktivisten nach eigenen Angaben gerade.

Auf die Frage nach einem Konzept für den Fall des Erwerbes der Kraftwerke und Tagebaue verweist Susanne Neubronner von Greenpeace in Hamburg auf eine gerade von der Umweltorganisation veröffentlichte "Abschaltliste" für Braunkohlekraftwerke in Deutschland. Mit den insgesamt über 7000 Megawatt (MW) installierter Kraftwerksleistung in der Lausitz würde es nach diesen Plänen bis 2030 zügig zu Ende gehen. Schon in drei Jahren sollen danach die ersten 1000 MW in Jänschwalde verschwinden, zwei Jahre später weitere 1000 MW in Boxberg.

2024 sollen dann die restlichen 2000 MW in Jänschwalde stillgelegt werden, 2028 das gesamte Kraftwerk Schwarze Pumpe mit 1600 MW und weitere 900 MW in Boxberg. Bis auf einen kleinen Block in Boxberg wären damit in 13 Jahren schon die gesamten Lausitzer Kraftwerke und damit auch die Tagebaue weg.

So weit die Theorie. Doch Kraftwerke abschalten ist in Deutschland nicht so einfach. Jede beabsichtigte Stilllegung muss beim Netzbetreiber und der Bundesnetzagentur angemeldet werden. Die prüfen umfangreich, ob die Anlage "systemrelevant" ist für Netzstabilität und Versorgungssicherheit in Deutschland. Nur wenn das nicht der Fall ist, darf stillgelegt werden.

Während Greenpeace seine Bewerbung laut öffentlich machte, üben sich andere bekannte Interessenten für das Lausitzer Revier in der für solche Geschäfte üblichen Diskretion. Die tschechische Holding EPH, zu der bereits die mitteldeutsche Mibrag gehört, und der tschechische Energieversorger CEZ bestätigten bisher nur, dass sie sich beworben hätten. Und dass sie die Absicht haben, weiter in der Lausitz Braunkohle zu fördern.

Zum Thema:
Vor einem Jahr entschied sich der schwedische Staatskonzern Vattenfall, aus Klimaschutzgründen die Braunkohletagebaue und Kraftwerke in der Lausitz zu verkaufen. Ende September 2015 wurde das Paket zusammen mit den Wasserkraftanlagen des Konzerns international angeboten.Wegen sinkender Strompreise und klimapolitischem Druck auf die Branche ist die Werthaltigkeit der Anlagen umstritten.