Jungenhaft sieht Steffen Kühne aus in seinem unauffälligen Schlabberpulli, mit seiner ungestylten Frisur und dem freundlich-direkten Lächeln. Der Direktkandidat der Linken im brandenburgischen Wahlkreis 62 (Dahme-Spreewald/Teltow-Fläming III/ Oberspreewald-Lausitz I) inszeniert sich nicht als Politikprofi, sondern als netter Junge von nebenan.

Ein netter Junge mit Idealen, auch wenn diese mit der Adressangabe " www.100-prozent-sozial.de" nur unkonkret beschrieben sind.

Anders als seine Parteigenossin Birgit Wöllert, die sich mit dem Slogan "Eine ehrliche Stimme aus der Lausitz" bewirbt, kann der Berliner Verwaltungswissenschaftler nicht auf der lokalpatriotischen "Ich bin einer von Euch"-Schiene bei den Kreisbewohnern punkten. Stattdessen setzt er mit dem Spruch "Unzufriedenheit allein genügt nicht" auf das aus sozialistischen Zeiten übernommene Selbstbild der Linken als Revolutionspartei von unten.

Lasst uns gemeinsam auf die Straße gehen, soll der Betrachter die Botschaft im Geiste ergänzen, wozu das klassenkämpferisch rote Quadrat und der i-Punkt in Form einer wehenden Fahne im Parteilogo passen. Schwarz ist eine beliebte Farbe im linksalternativen Protestmilieu - hier bekennt der Pulli Zugehörigkeit.

Auf unverstellte Authentizität setzt auch Joachim Schulze, der Kandidat von Bündnis 90/Die Grünen im sächsischen Wahlkreis 157 (Görlitz).

Der Mann ist Professor für Sozialarbeitswissenschaften und sieht auch genauso aus. Sein unmodisches Tweedsakko und die gemütliche Strickweste entsprechen ganz dem Typus des für äußerliche Eitelkeiten unempfindlichen Geistesmenschen.

Sein loser Hemdkragen in der Unschuldsfarbe Weiß lässt sich als Symbol für Weltoffenheit und Ehrlichkeit deuten. Der Grüne präsentiert sich ebenfalls als engagierter Bürger, nicht als Politikprofi. Sein Wahlspruch "Für eine bessere Welt" ist sogar noch idealistischer, größer und allgemeiner gefasst als bei dem Kandidaten der Linken.

Der große Punkt in Apfelgrün und die stilisierte Sonnenblume verweisen auf den Schwerpunkt der Grünen beim Umweltschutz. Dass Joachim Schulze seine akademischen Titel Prof. Dr. vor dem Namenszug abdruckt, muss nicht heißen, dass hier doch ein bisschen Eitelkeit im Spiel ist. Wohlwollend lässt sich diese Angabe als Signal für Klugheit und Kompetenz interpretieren.

Wie eine echte Profipolitikerin sieht dagegen Maria Michalk aus. Und das macht Sinn. Die Direktkandidatin der CDU im sächsischen Wahlkreis 156 (Bautzen I) hat nämlich bereits langjährige Erfahrung als amtierende Bundestagsabgeordnete. Ihre Parteifreundin an der Regierungsspitze, Angela Merkel, hat den Blazer in kräftigen Uni-Farben als weiblichen Power-Look und kontrastierendes Pendant zum männlichen Statussymbol des gedeckten Anzugs in die Welt der Politik eingeführt.

Leuchtend blau posiert Maria Michalk auf ihrem Plakat als selbstbewußte Macherin, exakt im bekannten Merkel-Stil bis hin zur Kombination von weit ausgeschnittenem Top mit dezenter Halskette.

Die CDU ist die einzige große Partei, die die Bundesfarben Schwarz-Rot-Gold auf ihren Plakaten verwendet, wenn auch fast versteckt am Rande des Parteilogos. Damit erlaubt sich die Kanzlerinpartei ein bisschen staatstragendes Pathos. Maria Michalk hat als persönliche Besonderheit noch eine blau-rot-weiße Flagge darunter gesetzt und betont so ihre sorbische Herkunft als Verbindung mit ihrem Wahlkreis.

Die gestalterisch einfachsten Plakate nutzen die Direktkandidaten der SPD. Das Design ist immer identisch. Kerstin Weide im brandenburgischen Wahlkreis 65 (Elbe-Elster/Oberspreewald-Lausitz II) kann als Beispiel dienen. Das Plakat der Senftenbergerin zeigt in Großaufnahme ihr Gesicht, darunter ihren Namen, das Parteilogo, den bundesweiten Leitspruch "Das Wir entscheidet" und einige Internetadressen. Mehr ist nicht. Bundesweit obligatorisch ist auch die Kombination des traditionellen SPD-Rots mit dem schon vor einigen Jahren als zweite Signalfarbe eingeführten Purpurlila.

Diese Farbzusammenstellung, vor der Modeberater eher warnen, umrahmt das Gesicht auf nicht unbedingt schmeichelhafte Weise. Damit die Haut vor dem schrillen Hintergrund nicht fahl wirkt, sind Lippen und Wangen kräftig geschminkt, was einen maskenhaften und aggressiven Eindruck macht. Ein Plakat wie ein Faustschlag.

Andererseits: Ein Hingucker ist es schon. Und weil Lila auch eine Farbe der weiblichen Emanzipationsbewegung ist, kann die Schrillheit als Ausdruck von Frauenpower gelten.

Männlich seriös bis auf die Knochen kommt der FDP-Kandidat Martin Neumann im brandenburgischen Wahlkreis 64 (Cottbus/Spree-Neiße) daher. Vor beruhigend grau-blauem Hintergrund trägt er ein sachliches Brillengestell, gepflegtes Grauhaar, dezentes Lächeln und einen Anzug von makelloser Unauffälligkeit zur Schau. Das Bild könnte auch einen Berater für Versicherungen oder Finanzprodukte zeigen, was ja zur FDP passt, die stets auf ihre Wirtschaftskompetenz pocht.

In diesem Fall betont der Slogan "Verantwortung statt Bevormundung" ihr liberales Marktverständnis mit möglichst wenigen staatlichen Regulierungen. Das klassische FDP-Gelb setzt leuchtende Farbakzente auf dem insgesamt langweilig zu nennenden Plakat.

Doch immerhin reklamiert diese Wahlwerbung so viel geballte Vertrauenswürdigkeit und Sachkompetenz, dass der Lausitzer Diplomingenieur und Bundestagsabgeordnete auf die zusätzliche Nennung seines Professorentitels verzichten kann. Erstaunlicherweise - wenn man bedenkt, wie viele Millionen Euro dafür ausgegeben werden - ist die Wirkung von Wahlplakaten auf das Wahlverhalten kaum erforscht.