Von Ulrich Thiessen

Gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen stößt in Brandenburg mehrheitlich auf Akzeptanz. Eine Umfrage bei Schulleitern und Eltern zeigt jedoch, dass der allgegenwärtige Lehrermangel die guten Ansätze konterkariert.

„Es ist still geworden um die Inklusion.“ Das sagte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Marie-Luise von Halem, am Dienstag in Potsdam. Dabei galt Brandenburg lange Zeit als Vorreiter für ein gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen.

2008 nahmen 34,4 Prozent der Schüler, bei denen gesonderter Förderbedarf festgestellt wurde, in Brandenburg am allgemeinen Unterricht teil. Der Bundesdurchschnitt betrug damals 18,4 Prozent. 2015 ging fast jeder zweite Schüler mit Förderbedarf in Brandenburg in eine allgemeinbildende Schule statt auf eine Förderschule.

Trotzdem sei der Prozess des gemeinsamen Lernens stecken geblieben, schätzt Wilfried M. Steinert ein. Der ehemaliger Leiter der Waldorfschule in Templin hat 30 Schulleiter und 195 Elternvertreter befragt und für die Grünen im Landtag ein Gutachten erstellt. Sein nun präsentiertes Fazit: „Lehrermangel und fehlende Ressourcen verhindern gute Bildung für alle.“

Die Lehrkräfte stünden in Brandenburg vor einem Burnout. An 60 Prozent der Schulen fehle Personal und 47 Prozent der Schulleiter hätten zu wenig sonderpädagogisches Personal, heißt es in der Studie. Die Lehrkräfte fühlten sich allein gelassen, sagte Steinert. Für die Grundschulen komme hinzu, dass sie in Brandenburg mit durchschnittlich 21,9 Schülern im Bundesvergleich mit die größten Klassen haben. Nur in Nordrhein-Westfalen (23,3) und Berlin (22,7) sind die Grundschulklassen noch größer.

Außerdem wird weniger Unterricht erteilt als in anderen Bundesländern. Laut Steinert macht das zusammen drei Wochen in den ersten vier Schuljahren aus. Darunter leiden sowohl Schüler mit Förderbedarf als auch besonders begabte Schüler. Daneben stellt das Gutachten auch bauliche Unzulänglichkeiten fest. Noch immer findet Inklusion nicht in den Schulbauvorschriften statt.

Als Folge davon fehlen Räume für Teilungsunterricht. Das gemeinsame Lernen findet zum Teil in den Räumen statt, die im 19. Jahrhundert für den Frontalunterricht gebaut wurden, so der frühere Schulleiter.

Die Inklusion, obwohl von fast allen Schulleitern und mehr als zwei Dritteln der Elternvertreter begrüßt, hat es auch immer noch nicht ins brandenburgische Schulgesetz geschafft, kritisieren die Grünen. Dabei beteiligen sich bereits 188 Schulen in Brandenburg am gemeinsamen Lernen. Gestartet war man mit einem Modellversuch in der letzten Legislaturperiode mit 80 Grundschulen.

Da Inklusion nicht nur eine Frage des Lernens ist, sondern alle Gesellschaftsbereiche durchdringen soll, fordert von Halem ein entsprechendes Konzept der Landesregierung. Steinert ist zu dem Ergebnis gekommen, dass das Thema bei den Landkreisen und Kommunen nicht angekommen ist.