Unter ihrem neuen Geschäftsführer Christian Kurtzke befindet sich das knapp 300 Jahre alte Unternehmen mit dem Markenzeichen der gekreuzten Schwerter im Umbruch, das Personal nimmt ihn als Aufbruch wahr. "Kurtzke ist ein Glücksfall für das Unternehmen, er redet Klartext", sagt Betriebsratschef Peter Kohl und nennt einen weiteren Vorzug des Neuen: "Er weiß, was die Reichen brauchen und lieben."Genau darauf kommt es für einen Luxushersteller normalerweise an. Doch der 39-jährige Kurtzke fasst den Kundenkreis für das "Weiße Gold" weiter. Im ersten Outlet in Meißen bietet die Manufaktur neuerdings die "Zweitsortierung" an - Porzellane mit winzigen Fehlern, die der Laie meist gar nicht sehen kann. Mit dieser Offerte könnte Meissen vor allem jüngere Kunden locken, die das edle Porzellan noch so benutzen, wie es den Schöpfern vorschwebt - als Gebrauchsgegenstand für den Alltag. "Der Spaß am Porsche kommt mit dem Fahren", sagt der Chef.Minus 20 Prozent UmsatzKurtzke hat die Geschäfte der Staatlichen Manufaktur Ende Oktober 2008 übernommen. Damals waren die Vorboten der Wirtschaftskrise auch in der Luxusgüterbranche bereits sichtbar. In diesem Jahr rechnet man in Meißen mit Umsatzeinbußen von bis zu 20 Prozent. "Darauf sind wir vorbereitet", sagt Kurtzke und sieht in diesen Zahlen keinen Grund zur Panik. Wichtig sei nur, wie ein Unternehmen mit einer solchen Lage umgehe und die Zeit nutze, um Ideen zu entwickeln und neue Märkte und Felder zu erschließen. Meissen sieht sie beispielsweise in der gehobenen Hotellerie, der Ausstattung von Jachten und im Schmuckbereich.Natürlich hinterlässt die Krise Kratzer am Glanz von Meissen. Inzwischen gilt für etwa die Hälfte der rund 800 Beschäftigten Kurzarbeit. Sie wurde vorsorglich gleich für 18 Monate angemeldet. "Alle wissen von den Schwierigkeiten der Weltwirtschaft", berichtet Kohl. Als es auf der Belegschaftsversammlung unlängst um Kurzarbeit ging, hätten selbst die Betroffenen den Raum "aufrechten Hauptes" verlassen. Kohl macht dafür das Klima in der Firma verantwortlich. "Kurtzke zeigt die Lage, wie sie ist. Die Leute glauben an ihn. Das Tempo, das er vorlegt, waren wir vorher nicht gewohnt."Tradition als GegenwartTatsächlich vermittelt der neue Chef so etwas wie Obama-Feeling. Das "Yes We Can" ist zwar noch nicht Leitspruch der Manufakturisten, dennoch schwingt neues Selbstbewusstsein mit. "Meissner Porzellan ist für mich ein Edelstein, den wir im eigenen Bergwerk fördern", sagt Kurtzke und erinnert an die lange Firmentradition, die bis in barocke Zeiten zurückreicht. Viele Marken würden nur von ihrer Geschichte leben, bei Meissen sei die Tradition zugleich Gegenwart. "Wir produzieren den riesigen Formenreichtum, rund 180 000 verschiedene Kunstwerke, noch heute."Von manchen Schlagwörtern hat man sich verabschiedet. Begriffe wie "Lifestyle" und "trendig" gibt es nicht mehr. "Die sind mir zu oberflächlich, zu kurzlebig. Meissner Porzellan denkt im Zeitraum von Jahrhunderten. Das ist unser Zeithorizont. Wir wollen keiner Mode nachlaufen, wir produzieren Kunst im Luxussegment", sagt der Chef. Damit erreiche man durchaus eine gewisse Zeitlosigkeit, auch wenn der Zeitgeschmack vergangener Epochen in Formen und Dekoren reflektiert werde. Bei Innovation denkt Kurtzke in erster Linie an Vertrieb, Marketing, Präsentation und Kundenkommunikation.Dabei soll die internationale Präsenz der Marke ausgebaut werden, künftig auch mehr in der zahlungskräftigen Golfregion. Schon heute erzielt die Manufaktur knapp die Hälfte ihres Umsatzes im Ausland und da vor allem in Japan. Europäische Kulturnationen wie Italien, Frankreich und Großbritannien hat Meissen nun wieder stärker im Blick. "Sie spielen eine Vorreiterrolle, was den Lebensstil und das Lebensgefühl ausmacht", weiß Kurtzke.