Der Litwinenko-Kontaktmann Dmitri Kowtun hinterließ bei seinem Zwischenstopp in Hamburg nicht nur radioaktive Spuren, er verstrahlte möglicherweise auch vier Menschen. Bei Kowtuns Ex-Frau und ihren ein und drei Jahre alten Kindern sowie ihrem Lebensgefährten seien Anzeichen für eine Kontamination mit Polonium 210 festgestellt worden, sagte gestern der Leiter der Sonderkommission "Dritter Mann" Thomas Menzel in Hamburg.
Ob sie das Strahlengift tatsächlich in den Körper aufgenommen haben, werde noch untersucht. Alle Vier wurden zur genaueren Untersuchung in das Strahlenschutzzentrum im Krankenhaus St. Georg in Hamburg gebracht. Ergebnisse der Tests werden noch in dieser Woche erwartet.
Der russische Geschäftsmann Kowtun ist auf noch ungeklärte Art in den Giftmord an Litwinenko in London verstrickt. Kowtun hatte in Hamburg in der Wohnung seiner Ex-Frau übernachtet, bevor er am 1. November zu dem Treffen mit Litwinenko nach London flog.

Im Körper hochgiftig
"Bei Kowtun gehen wir davon aus, dass er das Polonium (bei seiner Ankunft in Hamburg am 28. Oktober mit einem Flug von Moskau) im Körper hatte", sagte Elmar Lillpopp von der zentralen Unterstützungsgruppe des Bundes bei den Ermittlungen, zu der auch das Bundeskriminalamt sowie Strahlenschutzexperten gehören. Die Substanz ist außerhalb des Körpers relativ ungefährlich, aber hochgiftig, wenn sie über die Atmung, Nahrung oder eine Wunde aufgenommen wird.
Britische und russische Ermittler befragten am Montag in Moskau drei Stunden lang den Schlüsselzeugen in der Affäre, Andrej Lugowoi. Der Ex-Geheimdienstler sagte danach der Agentur Interfax, er sei als Zeuge befragt worden. Lugowoi hatte am 1. November das Treffen in London organisiert, bei dem Litwinenko mutmaßlich mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet wurde. Drei Wochen später war er tot. Lugowoi und Kowtun, der dritte Mann bei dem Treffen, seien selber verstrahlt und würden in einer Moskauer Klinik untersucht, berichtete Interfax.
Die Sonderkommission wartete unterdessen auf Kontakte zu den russischen Behörden. Diese hatten sich bisher nicht zu Fragen nach dem Aufenthaltsort und dem Gesundheitszustand Kowtuns geäußert. "Wir haben bis heute keine Antwort erhalten", sagte Menzel. Die Ermittler sowie Polizeipräsident Werner Jantosch lehnten jegliche Spekulationen über die Gründe dafür ab. Die Bundesregierung hat in dem Fall "keine eigenen Erkenntnisse". Die zuständigen Ermittlungsbehörden gingen bestehenden Verdachtsmomenten "mit großem Nachdruck" und akribisch nach, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin. Die Bundesregierung habe zudem "großes Vertrauen" in die Aufklärungsarbeit der britischen Ermittler und in die Kooperationsbereitschaft der russischen Behörden, betonte er.
Die Hamburger Sonderkommission "Dritter Mann" erhielt unterdessen Unterstützung aus London. Am Vormittag traf ein Beamter von Scotland Yard in Hamburg ein. Die Polizei setzte die Untersuchung mehrerer Wohnungen in Hamburg und in einem Anwesen nördlich der Stadt fort, in denen sich Kowtun vor dem Treffen mit Litwinenko aufgehalten hatte. Unter anderem hatte er in der Wohnung seiner Ex-Frau in einem Wohnhaus in Hamburg-Ottensen übernachtet, wo die Polizei radioaktive Spuren auf einem Sofa entdeckte. Bei der Feinuntersuchung auf dem Anwesen der Ex-Schwiegermutter Kowtuns in Haselau im Kreis Pinneberg wurden weitere Polonium-Messungen definitiv bestätigt. Das Polonium wurde in dem Gebäude sowie in zwei Autos nachgewiesen.

Sicherheitsgarantien gefordert
Die Familie Litwinenkos will mit Moskauer Ermittlern, die Ende dieser Woche nach London reisen wollen, nur gegen ausdrückliche Garantien für ihre persönliche Sicherheit kooperieren. Solche Garantieerklärungen müssten von britischen Behörden abgegeben werden, sagte der Vertraute der Litwinenko-Familie, Alex Goldfarb, dem Sender BBC. Litwinenkos Witwe Marina (44) hatte zuvor jedwede Kooperation mit russischen Ermittlern strikt abgelehnt. Kurz vor seinem Tod am 23. November hatte Litwinenko die Moskauer Regierung beschuldigt, den Giftanschlag auf ihn befohlen zu haben. (dpa/ab)