Doch diese Woche wurde der öffentliche Druck zu groß: Seit Wochen kursieren im Internet, per SMS und in den Medien die Namen von Geistlichen, die in kommunistischen Zeiten mit der Geheimpolizei SB zusammengearbeitet haben sollen. So sah sich die Bischofskonferenz zu einer Stellungnahme genötigt. Erstmals seit dem Ende des Kommunismus räumte die katholische Kirche Polens darin offiziell die Kollaboration "gewisser" Priester mit der kommunistischen Geheimpolizei ein und bat die Opfer um Vergebung.
Im "schrecklichen System" des Kommunismus hätten gewisse Kirchenmänner die Erwartungen nicht erfüllt, erklärten Polens Bischöfe schriftlich nach einem Treffen in Warschau. "Wir bedauern dies und bitten um Vergebung, vor allem diejenigen, die dadurch gelitten haben", heißt es in dem Text.

Aufregung in Krakow
Eines der Opfer der kommunistischen Geheimpolizei und ihrer Spitzel im Klerus war der Priester Tadeusz Isakowicz-Zalewski, in den 80er-Jahren Vertrauenskaplan der Gewerkschaft Solidarnosc in der Stahlhüttenstadt Nowa Huta bei Krakow (Krakau). Zweimal wurde er von SB-Agenten zusammengeschlagen. Mit Zigaretten brannten sie ihm ein V auf die Brust, das Zeichen für den Untergrund. Erst Jahre später entdeckte er in Geheimdienstakten, dass er von Kollegen bespitzelt worden war. Der Fall sorgte für Aufregung vor allem in Krakow. "Die Kirche hat einen großen Irrtum begangen, dieses Problem 16 Jahre lang aufzuschieben", sagt Isakowicz-Zalewski. "Viele Dramen hätten verhindert werden können." Der streitbare Priester fordert ein "öffentliches Bekenntnis" der Geistlichen, die mit der Geheimpolizei kollaboriert haben.
Über zehn Prozent der polnischen Priester dürften SB-Spitzel gewesen sein, schätzt das Institut für Nationale Erinnerung (IPN), das polnische Pendant zur Birthler-Behörde. 1984 seien es 8334 gewesen. "Diese Priester taten es völlig bewusst, auch wenn sie nicht immer Dokumente zur Kollaborationsverpflichtung unterzeichneten", versichert IPN-Vorsitzender Janusz Kurtyka.
Um die öffentliche Jagd auf Spitzel in Soutane zu beenden, hat Krakows Erzbischof Stanislaw Dziwisz Ende Februar eine interne Untersuchungskommission angekündigt, dem Beispiel von drei anderen Diözesen folgend. "Wir sind in einer chaotischen Situation", räumt Bischof Jan Szkodon ein, der die Krakower Kommission leiten soll. "Dieses Problem muss gelöst werden, ohne jedoch die Kirche zu erschüttern." Viele der Priester, die mit dem Geheimdienst kollaboriert hätten, seien inzwischen gestorben, andere hätten ihre Vorgesetzen um Vergebung gebeten. Szkodon betont, die Kommission werde keine Listen von Kollaborateuren veröffentlichen. "Sie wird beurteilen, ob die Grenzen des Kompromisses von gewissen Priestern überschritten wurden."

Praktisch alle hatten Kontakt
Szkodon mahnt, alles im Zusammenhang mit der Epoche zu sehen. Praktisch alle Priester seien dazu verpflichtet gewesen, Kontakte mit den Agenten der Geheimpolizei zu haben. "Wenn ein Priester eine Kirche bauen wollte, musste er sie treffen. Wenn ein Priester in den Vatikan reisen wollte, musste er sie sehen, um seinen Pass zu bekommen. Die Geheimpolizei verfasste anschließend einen Bericht über ein solches Gespräch, der nicht immer wahr war."
Zu Unrecht an den Pranger gestellt fühlt sich die katholische Kirche auch deshalb, weil die ehemals Verantwortlichen des kommunistischen Regimes in Polen nach 1989 nicht belangt wurden. Die Kirchenoberen sind fest entschlossen, vor allem die Erinnerung an heroische Akte von Priestern wie Jerzy Popieluszko am Leben zu erhalten. Auch er war Vertrauenskaplan der Solidarnosc und wurde 1984 von der Geheimpolizei ermordet.