Sechs Polizisten tragen Ken Tsang in einen dunklen Hinterhof. Seine Hände sind hinter dem Rücken gefesselt. Einer der Beamten setzt sich auf ihn, schlägt mit Fäusten auf ihn ein. Andere treten mit den Füßen auf den am Boden liegenden Demonstranten. Ein Polizist schaut sich verstohlen im Tamar Park um, als wenn er Wache schiebt.

Die Beamten fühlen sich im Dunkel der Nacht unbeobachtet. Trotzdem schnappt eine Filmkamera die Szene in schemenhaften Umrissen auf. Am Morgen läuft der belastende Video-Clip in den Frühnachrichten der asiatischen Finanz- und Wirtschaftsmetropole Hongkong rauf und runter.

Ähnlich wie bei dem anfänglichen Tränengaseinsatz zu Beginn der Proteste vor gut zwei Wochen ist die Empörung unter den sieben Millionen Hongkongern über soviel Polizeibrutalität groß. Für die Regierung der autonomen chinesischen Sonderverwaltungsregion könnte der Skandal kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen. Eigentlich hatten die Behörden darauf gehofft, dass die Demonstrationen langsam abflauen und schrittweise die Barrikaden abgebaut werden können. Stattdessen heizt die Affäre die Spannungen in der seit 1997 zu China gehörenden früheren britischen Kronkolonie nur wieder neu an.

Schon vor dem Zwischenfall kam es zu den schwersten Auseinandersetzungen seit den Anfängen der Demonstrationen für mehr Demokratie in Hongkong Ende September. Mehrere Hundertschaften Polizei mussten den wichtigen Verkehrstunnel an der Lung Wo Straße unweit des Regierungssitzes räumen, den Demonstranten am Vorabend in einer Blitzaktion blockiert hatten. Auch hier ging es sehr handgreiflich zur Sache. Dass hier mit der Blockade eher radikale Aktivisten bewusst eine Konfrontation eingegangen sind, die selbst die Studentenführer bislang abgelehnt hatten, ist am nächsten Tag aber nicht das Thema. Alles dreht sich um den Video-Clip, der die Polizeikräfte Hongkongs ziemlich schlecht aussehen lässt.

Ihr Opfer, Ken Tsang, ist Mitglied der oppositionellen, prodemokratischen Bürgerpartei. Später heißt es noch, er habe die Polizisten vor seiner Festnahme möglicherweise mit Wasser bespritzt und so provoziert. Doch legt seine Anwältin mit weiteren Vorwürfen nach.

So sei Tsang auch auf der Polizeiwache noch geschlagen worden. Fotos von seinen Prellungen und Abschürfungen am Rücken und im Gesicht verbreiten sich rasend schnell im Internet.