Die Szene war beängstigend. Am frühen Samstagabend hatten sich 130 schwarz gekleidete Mitglieder und Unterstützer des Rockerclubs Bandidos auf dem Cottbuser Altmarkt versammelt. Sie waren nicht nur aus Berlin, sondern aus allen neuen Bundesländern angereist, um sich mit Anhängern der Hells Angels eine blutige Schlacht um die Vorherrschaft im kriminellen Milieu von Cottbus zu liefern. Doch dazu kam es nicht. Rund 500 Polizisten aus Berlin und Brandenburg, darunter 100 Beamte des Sondereinsatzkommandos, machten dem Spuk für dieses Wochenende ein Ende.
Auf einem nahe gelegenen Parkplatz, wo die Rocker ihre Autos und Motorräder abgestellt hatten, griffen die Beamten zu. 130 Bandidos wurden vorläufig festgenommen und erst gestern im Laufe des Tages wieder auf freien Fuß gesetzt. Die überraschten Rocker leisteten keine Gegenwehr. Gegen sie wird nun von der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen Bildung bewaffneter Gruppen ermittelt.

Messer und kugelsichere Westen
Denn aus den Taschen und Fahrzeugen der Bandidos räumte die Polizei ganze Kisten voller Waffen: Klappmesser, Baseballschläger, Eisenketten, Totschläger, Schlagringe, präparierte Handschuhe, Reizgas, Macheten und Hackmesser. Dazu ein Du t zend kugelsichere Westen und einen Barhocker, der sich später als Tarnung für vier massive Schlagstöcke entpuppte.
Der Polizeipräsident von Berlin, Dieter Glietsch, und der Chef des Polizeipräsidiums Frankfurt (Oder), Klaus Kandt, gingen gestern Nachmittag gemeinsam in Cottbus vor die Presse, um zu erklären, was sich hier abspielt. Denn seit mehr als einem Jahr ermitteln Beamte beider Bundesländer gemeinsam im kriminellen Rockermilieu. Cottbus ist seit dem Sommer ein Schwerpunkt, denn hier ist ein Revierkampf ausgebrochen zwischen Hells Angels und Gremium MC mit Stützpunkten in Spremberg und Cottbus auf der einen Seite und den Bandidos mit einem Klubhaus in Lauchhammer (Oberspreewald-Lausitz) auf der anderen.

Führungspersonal versammelt
Ihren Anfang hatten die Ereignisse am Samstag in Berlin genommen. Dort trafen sich Bandidos an ihren Klubhäusern, um dann Richtung Cottbus zu fahren und sich mit anderen „Chaptern“ , wie die einzelnen lokalen Gruppen heißen, zu treffen. Doch die Polizei hatte davon rechtzeitig Wind bekommen. Am frühen Abend waren in Cottbus 21 Untergruppierungen der Bandidos versammelt. „Da war das Führungspersonal überall dabei“ , sagt Axel Bédé, Leiter des Dezernates Organisierte Kriminalität bei der Berliner Polizei. Das sei angesichts der streng hierarchischen Struktur der Rockerklubs ein sicheres Zeichen dafür gewesen, dass an diesem Wochenende in Cottbus wirklich eine große Aktion geplant war. Berlins Polizeichef Dieter Glietsch schätzt die Zahl aktiver Rocker und ihrer Unterstützer in der Hauptstadt und dem unmittelbaren Umland auf etwa 500 bis Eintausend Personen. „Das ist keine Folkloregruppe, sondern eine kriminelle Bande“ , so Glietsch. Deren „Geschäftsbereiche“ seien weit gefächert: Drogenhandel, Rotlichtmilieu, Schutzgelderpressung, Türsteherszene. Revierkämpfe zwischen Hells Angels und Bandidos gab es in Berlin schon seit dem Frühsommer.
Im Mai wurde ein Hells Angel auf der Stadtautobahn von drei Anhängern des rivalisierenden Klubs durch Messerstiche verletzt. Wenige Tage später gab es eine ähnliche Messerattacke aus einem fahrenden Auto heraus. Kurz darauf wurde versucht, einen Rocker auf offener Straße zu erschießen.
In Cottbus, so der Frankfurter Polizeipräsident Klaus Kandt, hätten die Revierkämpfe im Sommer begonnen. Damals sei das Cottbuser Chapter des Gremium MC zu den Bandidos übergelaufen. Ein neues Gremium-Chapter wurde in Cottbus gegründet, doch dieser „Verrat“ heizte die Auseinandersetzungen an.
Mitte Oktober wurde ein Hells Angels-Mitglied in Cottbus durch einen Bandidos niedergestochen. Wenig später blieb ein verletzter Hells Angel nach einer Auseinandersetzung in Cottbus auf der Straße zurück. Auch Unbeteiligte wurden verletzt.
Vor zwei Wochen fand ein Treffen von etwa 250 Bandidos in Lauchhammer statt. Zeitgleich kamen eben so viele Hells Angels am Rande des ehemaligen Militärflugplatzes in Cottbus zusammen. Vor einer Woche kamen sogar mehr als 400 Anhänger dieses Clubs nach Cottbus, darunter auch polnische Rocker. Das erfolgreiche Eingreifen in Cottbus zeige die gute Zusammenarbeit mit Berlin, sagte der Frankfurter Polizeipräsident Klaus Kandt. „Es gibt für die Rocker in der Region keinen Schonraum“ , stellt er klar.

Strukturen aufklären
Die Beamten wollen jedoch nicht nur mit Aktionen auf der Straße wie am Samstag die Ausbreitung der Szene in der Region stoppen. Seit mehr als einem Jahr gibt es beim Landeskriminalamt eine besondere Ermittlungsgruppe „Gewalt“ , die durch Aufklärung der Strukturen den Druck auf die Rockerszene erhöhen soll: Wer ist an welchen Tatoo-Studios und Sicherheitsdiensten beteiligt, wer kontrolliert welche Discotheken- oder Bordelltüren? Denn in der Szene, so Axel Bédé von der Berliner Polizei, gelte der Spruch: „Wer die Tür hat, hat den Laden.“

Hohe Gewaltbereitschaft
Polizeipräsident Kandt geht davon aus, dass die Rockergruppen in Brandenburg eine besonders hohe Gewaltbereitschaft haben, weil sie sich in der Szene noch beweisen müssten. Dass die kriminellen Aktivitäten dabei nicht nur auf die „klassischen“ Bereiche wie Rauschgift, Prostitution und Schutzgeld begrenzt bleiben, habe ein Fall aus dem Landkreis Barnim gezeigt. Dort sei ein Rocker kürzlich wegen Diebstahls von Baumaschinen verurteilt worden.
Als deutlichen Erfolg der intensiven Ermittlungen im Rockermilieu wertet Kandt auch die Verurteilung des ehemaligen Präsidenten des Gremium MC durch das Landgericht Cottbus. Wegen Drogenhandels in Spremberg und anderer Delikte muss der Lausitzer mit dem Spitznamen „Eisen“ für sieben Jahre und drei Monate hinter Gitter. Spremberg gilt seit Jahren mit dem Klubhaus des Gremium MC in der Forster Landstraße als wichtiger Stützpunkt in der Region. Die dortige Gruppierung ist vor Jahren aus der örtlichen rechtsradikalen Szene der Stadt hervorgegangen.
Über bisherige Erkenntnisse zu Art und Ausmaß der von Rockern kontrollierten kriminellen Geschäfte in Cottbus hüllen sich die Beamten mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen in Schweigen. Nur, dass es weitergehen wird mit den Auseinandersetzungen und dem Verfolgungsdruck, versichern die Ermittler. „Die Aktion am Samstag zeigt, dass der Konflikt weiter schwelt. Das wird uns hier noch lange begleiten“ , ist der Frankfurter Polizeipräsident Klaus Kandt sicher.