(bob) 518 – allein schon diese Zahl sollte alarmierend genug sein. 518 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern hat die Polizei in Brandenburg 2018 ermittelt. Dahinter verbergen sich Schicksale, 581 Schicksale von Kindern, die wehrlos ausgenutzt wurden.

Was sagen die Zahlen aus?

„Die Fallzahl aus 2018 bewegt sich in der Größenordnung der vergangenen Jahre“, sagt Polizeisprecher Mario Heinemann vom Polizeipräsidium in Potsdam. Sexueller Missbrauch sei „Kontrollkriminalität“. Das heißt: Wenn die Polizei mehr Fälle aufdeckt, landen auch mehr Fälle in der Statistik. 2017 waren das im Vergleich zu den Vorjahren sehr wenige. Deshalb erscheine der Anstieg 2018 so groß.

Was steckt dahinter?

Die Polizei kommt mehr Missbrauchs-Tätern auf die Spur, weil sie zunehmend im Darknet, den abgeschlossenen Teilen des Internets, recherchiert. So konnten 2018 auch deutlich mehr Fälle im Bereich „Verbreitung pornografischer Schriften“ registriert werden – 48 Prozent, um genau zu sein. Bei den kinderpornografischen Erzeugnissen stieg die Zahl der Fälle deutlich von 186 auf 226. „Insofern erscheint die Annahme als nachvollziehbar, dass diese Ermittlungen in letzter Zeit durchaus erfolgsträchtig waren“, so Polizeisprecher Heinemann.

Zudem habe man polizei-intern Verfahrensabläufe beschleunigt, um beschlagnahmte Datenträger rascher auswerten zu können, so Heinemann.

Gibt es einen Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen die Plattform „Elysium“?

Im Juni 2017 gelang den Ermittlern ein spektakulärer Schlag gegen die Kinderporno-Szene. Die Plattform „Elysium“ konnte abgeschaltet und zuvor infiltriert werden. Über 111 000 Nutzerkonten gelangten so in den Zugriff der Polizei. Weltweite Ermittlungen gegen Missbrauchs-Täter und Besitzer von Kinderpornos folgten. Erst vor wenigen Tagen wurden die vier Hauptverantwortlichen für die Plattform aus Süddeutschland zu Haftstrafen verurteilt.

In Brandenburg hat es im Zuge der Ermittlungen bisher allerdings keine Fälle gegeben. Nach Auskunft des Cyber-Competence-Centers beim LKA in Eberswalde sind im Nachgang zu den „Elysium“-Ermittlungen keine Tatverdächtigen aus Brandenburg bekannt geworden.

Was wissen wir über die Opfer?

Von den 581 Kindern, die im vergangenen Jahr in Brandenburg Opfer sexuellen Missbrauchs wurden, waren 450 weiblich, 131 männlich. Bei den jugendlichen Opfern sieht die Verteilung ähnlich aus. 30 weiblich, 13 männlich. Die Staatsangehörigkeit wird bei 50 der 581 Kinder durch die Polizei mit „nicht-deutsch“ angegeben.

Was wissen wir über die Täter?

Sie sind zum überwiegenden Teil Deutsche. Die Polizeistatistik kommt für 2018 in Brandenburg auf einen Anteil von etwa 92 Prozent. In der überwiegenden Zahl sind es Männer. Allerdings liegt das auch daran, dass Frauen als Täter bisher in Deutschland kaum in den Blick genommen wurden.

Die Psychologin Safiye Tozdan verwies kürzlich in einem Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland darauf, dass der Anteil weiblicher Täter tatsächlich bei etwa 20 bis 30 Prozent liegen könnte. „Zum einen scheint der Mythos, dass Frauen Kinder sexuell nicht missbrauchen können, weil sie keinen Penis haben, sehr hartnäckig zu sein. Zum anderen ist sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen ein gesellschaftliches Tabu, das noch überwunden werden muss“, erläuterte die Expertin.