(dpa/red/lsc) Medienforscher Thomas Hestermann von der Macromedia-Hochschule Hamburg kommt zu einem ganz anderen Schluss: „Das Land ist trotz Flüchtlingswelle so sicher wie lange nicht mehr – aber es fühlt sich für viele nicht so an.“ Die Zahl der bundesweit registrierten Straftaten war 2017 so stark zurückgegangen wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Auch in Brandenburg ist die Kriminalität weiter rückläufig. Rund 85 000 Straftaten hat die Polizei in den ersten sechs Monaten 2018 erfasst. Verglichen mit dem ersten Halbjahr 2017 ein leichter Rückgang. Bei Gewaltdelikten verzeichnete die Polizei etwa 7,7 Prozent weniger Fälle in den ersten sechs Monaten 2018. In Sachsen nimmt die Kriminalität ebenfalls ab. Hier gibt es bisher keine Angaben zum ersten Halbjahr 2018, aber im Vorjahr wurden 323 136 Fälle registriert; ein Rückgang von 0,5 Prozent gegenüber 2016. „Aber der Rückgang der Kriminalität hat in keiner Weise zu einer Beruhigung beigetragen“, sagt Medienforscher Hestermann.

„Die Bürger haben mehr Angst, obwohl sie weniger Grund dazu haben“, sagt auch Kriminologe Thomas Feltes von der Uni Bochum. Er hat die Kluft zwischen realer und gefühlter Kriminalität schon 2016 gemessen: Von 3500 repräsentativ befragten Bochumern sah es fast jeder Fünfte (19 Prozent) als wahrscheinlich an, im kommenden Jahr Opfer eines Raubüberfalls zu werden. Tatsächlich lag das Risiko bei 0,3 Prozent. Damit war die subjektive Angst 65-mal so hoch wie die reale Gefahr.

Im Vergleich zur vorherigen Befragung 1998 gaben 65 Prozent weniger Bochumer an, Opfer einer Körperverletzung geworden zu sein. Die Befragten sagten auch, dass sie Straftaten heute wesentlich häufiger anzeigten als früher. Das Dunkelfeld der nicht registrierten Kriminalität dürfte also eher kleiner als größer geworden sein.

Der Anteil der Zuwanderer an den Tatverdächtigen ist in der Kriminalitätsstatistik allerdings deutlich überproportional zum Anteil in der Bevölkerung – auch wenn man die ausländerrechtlichen Taten abzieht.

Die Zahl der durch Zuwanderer (dazu gehören unter anderen Asylbewerber, geduldete Ausländer oder Kontingentsflüchtlinge) verübten Straftaten hat sich in Sachsen 2017 leicht erhöht. 19 769 Fälle (ohne ausländerrechtliche Straftaten) wurden erfasst, 2016 waren es noch 941 weniger. Fast ein Drittel der Straftaten waren Diebstähle, rund 17 Prozent Körperverletzungsdelikte. In Sachsen lebten 2017 insgesamt 52 918 Zuwanderer, gegen 9493 wurde strafrechtlich ermittelt.

In Brandenburg wurden 2017 insgesamt 8679 tatverdächtige Zuwanderer ermittelt (2016: 8144). Das entspricht einem Anstieg von 6,5 Prozent oder 533 Tatverdächtigen. Auch der Anteil der Straftaten durch Zuwanderer ist in der Mark leicht gestiegen: 2017 lag er mit 11 452 Fällen bei 6,5 Prozent. 2016 waren es 10 020 Fälle (5,4 Prozent).

Doch generell sei laut Kriminologe Feltes mit den reinen Zahlen nichts belegt. „Wer unreflektiert mit diesen Zahlen hantiert, begeht geistige Brandstiftung.“ Die Zuwanderer seien demnach überwiegend männlich, jünger und ärmer als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Wenn man sie mit einer entsprechenden deutschen Gruppe vergleiche, löse sich der Unterschied größtenteils in Luft auf.

Die Kriminalstatistik habe zudem weitere Tücken: Sie erfasst etwa auch die Straftaten ausländischer Touristen und Geschäftsreisender in Deutschland – in einer Stadt wie Berlin mit acht Millionen Touristen jährlich sei dies durchaus ein Faktor. Umgekehrt aber sind die Delikte Deutscher im Ausland nicht in der Statistik enthalten.

Eine Studie für Niedersachsen von den Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem, die Anfang 2018 vorgestellt wurde und sich mit Flüchtlingskriminalität befasst, zeigt ebenfalls, wie es zu Verzerrungen kommt. So führe ein höherer Anteil an Flüchtlingen auch generell zu einem höheren Anteil der Flüchtlinge an Straftaten.

Auch die Alters- und Geschlechtszusammensetzung spiele eine Rolle: „In jedem Land der Welt sind die männlichen 14- bis unter 30-Jährigen bei Gewalt- und Sexualdelikten deutlich überrepräsentiert“, heißt es. Da unter den Flüchtlingen viele junge Männer sind, ist auch der Anteil der potenziellen Täter hier höher. Hinzu komme, dass viele Flüchtlinge von vornherein keine Bleibeperspektive hätten und sich deshalb auch „nachlässiger“ verhielten. Zudem kämen viele der Flüchtlinge aus Kulturen mit anderen Männlichkeitsvorstellungen. Ein Mann, der sich nicht wehrt, ist ein Feigling. Die Studie spricht von einer „Machokultur“.

Und nicht nur unter den Tätern tauchen Flüchtlinge in der Polizeistatistik auf, verstärkt sind sie auch Opfer. Zwei Drittel der Opfer von Gewalttaten durch Flüchtlinge sind selbst Ausländer, so die Erhebung für Niedersachsen.

Für die enorme Verunsicherung hat Medienforscher Hestermann auch noch eine andere Ursache ausgemacht. Er hat die Berichterstattung des Fernsehens und der Zeitungen in Deutschland untersucht. Ergebnis: „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt. Es gibt einen völligen Umschwung in der Berichterstattung nach der Kölner Silvesternacht.“

So habe sich die Zahl der Fernsehberichte über kriminelle Ausländer seit 2014 vervierfacht, während der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Kriminalstatistik lediglich um ein Drittel angestiegen sei. In der gleichen Zeit halbierte sich die Zahl der Berichte über ausländische Opfer von Gewalttaten, obwohl die Statistik einen Anstieg ausländischer Gewaltopfer verzeichne.

Mehr Menschen bedeuteten nun einmal auch mehr Straftaten, sagt Kriminologe Feltes. Was die Belastung für die deutsche Bevölkerung aber nicht zwangsläufig erhöht: Die weitaus meisten Gewaltopfer von Zuwanderern seien Zuwanderer.