Politiker aus Koalition und Opposition verlangten gestern von dem in den USA lebenden Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, die dreimonatige Vorbereitungszeit bis zur Fußball-WM in Deutschland zu verbringen. So verglich der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Ernst Hinsken (CSU), den Endspurt zur WM mit der heißen Phase von Wahlkämpfen, in denen es für Politiker auch gelte, unmittelbar vor Ort in ihren Wahlkreisen zu sein.

Vertrauen in Klinsmann
"Ich halte nichts davon, mitten im Strom die Pferde zu wechseln. Jürgen Klinsmann hat mein Vertrauen", sagte Schäuble in einem Pressebericht. Er gehe "seinen Weg mit einer Konsequenz, die schon wieder beeindruckend ist". Auch Struck sagte, es sei "richtig, was Klinsmann macht". Er verstehe die Kritik am Bundestrainer nicht.
Der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt mahnte in einem Rundfunk-Interview, sich jetzt auf die WM zu konzentrieren. "Es macht ja keinen Sinn, dass man jetzt ein Stück Aufbauarbeit (. . .) wieder über den Haufen wirft." CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sieht steuerliche Gründe hinter Klinsmanns langen USA-Aufenthalten. "Ich vermute hier ein Motiv, das heißt, aus gewissen steuerlichen Gründen mindesten 183 Tage im Jahr im Ausland zu sein", erklärte Ramsauer in Berlin.

Autorität ist gefragt
Der CSU-Vertreter im Sportausschuss des Bundestages, Stephan Mayer, verlangte von Klinsmann, seine privaten Interessen zurückzustellen. "Der Bundestrainer wäre gut beraten, jetzt hier zu sein", sagte er in einem Zeitungsbericht. Der FDP-Obmann im Ausschuss, Detlef Parr, betonte: "Das Länderspiel gegen Italien muss verarbeitet werden. Da gehört Jürgen Klinsmann mit seiner ganzen Autorität nach Deutschland." Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz attackierte den Deutschen Fußball-Bund. "Der DFB hätte sich niemals darauf einlassen dürfen, dass der Bundestrainer ein Mega-Ereignis wie die WM aus Kalifornien betreut."
Die Grünen lehnen eine politische Debatte über den Bundestrainer ab. Bundesvorstandsmitglied Omid Nouripour nannte es kaum erträglich, wie sich einzelne Abgeordnete einmischten. Für Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck ist es "wurst, wo Herr Klinsmann schläft".
Am Wochenende hatten Mitglieder des Bundestags-Sportausschusses gefordert, Klinsmann vor das Gremium zu zitieren. Der Ausschussvorsitzende Peter Danckert (SPD) lehnte diesen Vorstoß als "Schnapsidee" ab. (dpa/ta)