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| 09:24 Uhr

Leipzig
Zerstörerisches Gift

Leipzig. Die Linke dreht sich bei ihrem Parteitag um sich selbst und beschert ihren Vorsitzenden eine schmerzhafte Schlappe. Sahra Wagenknecht sorgt für Turbulenzen. Holger Möhle

19 Minuten Sahra Wagenknecht genügen. Schon ist Stimmung im Saal und die schön geplante Tagesordnung hinüber. Rede, Gegenrede, persönliche Erklärung, Geschäftsordnungsantrag: bitte sofort offene Debatte. Zu Wagenknecht haben sehr viele in der Linken etwas zu sagen, auch wenn der Parteitag gerade knapp vor seinem eigentlich geplanten Ende steht. Aber nun geht es Sonntagmittag doch auf in den Kampf - auch in den Klassenkampf. Für die "Ärmeren und Abstiegsgefährdeten", wie es Fraktionschefin Wagenknecht gerade noch in den Saal der Messe Leipzig gerufen hat. Oder auch für Flüchtlinge, weswegen in der Linken seit Monaten ein erbitterter Machtkampf tobt.

Auch jetzt wieder. Mehr als eine Stunde liefern sich die Genossen - außer Plan und schonungslos - einen Schlagabtausch auf die Wagenknecht-Rede. Keine Frage: Wagenknecht polarisiert die Linke, beispielsweise "über die Frage, ob es für Arbeitsmigration Grenzen geben sollte und wo sie liegen. Aber warum können wir das nicht sachlich tun, ohne Diffamierungen?" Wagenknecht hat Fans und Gegner in der Linken. Die einen heben sie in den Himmel, für die anderen ist sie wegen gefühlt spalterischer Tendenzen die Hölle.

Aber erst einmal der Klassenkampf. Und das geht nicht ohne Hans Modrow. Der letzte Vorsitzende des DDR-Ministerrates ist mittlerweile 90 Jahre alt, aber Klassenkampf geht immer noch. Er ist für Modrow, Vorsitzender des Ältestenrates seiner Partei, eigentlich immer der Versuch, das kapitalistische System zu überwinden - und schließlich streben große Teile der Linke weiter danach. Kapitalismus, Neoliberalismus, all diese Dinge, die die Wende gebracht hat, müssten wenigstens hinterfragt werden. Damit die 580 Delegierten des Linke-Parteitags in der Messe Leipzig und die Welt da draußen auch wissen, wo es lang gehen soll, betont Modrow sicherheitshalber noch: "ganz im Sinne von Karl Marx". Und so erinnert die Linke in ihrem Leitantrag erstens "an gemeinsame Gegner: die Superreichen und Konzerneigentümer und ihre machtvollen Verbündeten". Und zweitens soll die Republik 200 Jahre nach der Geburt von Karl Marx wissen: "Gesellschaft wird von unten verändert." Deswegen soll noch ein Passus in den Leitantrag, wonach es die November-Revolution 1989 in Deutschland ohne die Oktober-Revolution von 1917 in Russland nie gegeben hätte.

Doch ob Revolution im Oktober oder November, die Linke im Juni 2018 plagen ganz andere Probleme. Machtkämpfe im innersten Zirkel gehen an die Einheit der Linken. Parteivorstand gegen Fraktionsspitze - vor allem wegen des richtigen Kurses in der Flüchtlingspolitik. Bernd Riexinger und Katja Kipping auf der einen Seite gegen Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch auf der anderen Seite - mit Wagenknechts Ehemann Oskar Lafontaine im Geleitzug, der zu Hause am Fernseher den Parteitag beobachtet. Wagenknecht ist präpariert. Dabei hatte Riexinger gleich zum Auftakt einen Appell zur Einheit der Partei geliefert: "Deshalb lasst uns gemeinsam und nicht gegeneinander unsere Differenzen klären, unsere Kräfte bündeln und unsere Inhalte durchsetzen." Vorne, in Reihe zwei, sitzt in Form einer Stoffpuppe Karl Marx als stiller Delegierter ("Karl I.") und verfolgt den Diskurs über den Leitantrag. Auch Stoff-Marx hofft auf das Motto des Parteitags: "Gemeinsam mehr werden."

Doch dazu müsste der innerparteiliche Streit endlich weniger werden. Parteichefin Kipping sagt dann auch: "Nach den monatelangen Debatten über unsere Flüchtlingspolitik brauchen wir auf diesem Parteitag eine inhaltliche Klärung. Damit wir wissen, wofür die Partei steht." Kipping wendet sich an dieser Stelle noch "persönlich" an den Genossen, der gar nicht im Saal ist: Oskar Lafontaine. "Nach dieser Klärung muss doch einmal Schluss damit sein, dass du die demokratische Beschlussfassung unserer Partei in der Flüchtlingspolitik ständig öffentlich infrage stellst." Sie meint den Leitantrag, der die Position der Partei zu "legalen Fluchtwegen und offenen Grenzen" festschreibt. Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagt zum internen Streit: "Das ist zerstörerisches Gift. Damit muss Schluss sein." Aber Wagenknecht hat da die Öffentlichkeit schon wissen lassen: Niemand habe "abschließende Positionen" in der Flüchtlingspolitik, "deshalb wird die Debatte auch nicht nach unserem Parteitag beendet sein".

Bei der Wiederwahl gibt es dann lange Gesichter: 64,5 Prozent für Kipping bedeuten zehn Prozentpunkte weniger als vor zwei Jahren. Das ist eine Schlappe. Riexinger kommt glimpflicher davon: 73,8 Prozent nach noch 78,5 Prozent 2016. Beide lächeln tapfer. Riexinger versichert, man wolle die Zeit nutzen, die Linke zu stärken.

Derweil gibt Wagenknecht schon wieder Interviews. Sie finde es "nicht gut", wenn Vertreter der Partei, "auch ich, in die rechte Ecke gestellt" würden. Aber: "Jeder hat seinen Stil." Wenn ihr Nationalismus, Rassismus oder AfD-Nähe vorgeworfen werde, "dann ist das das Gegenteil einer solidarischen Debatte". Wagenknecht versucht, dem Parteitag ihre Idee einer linken Sammlungsbewegung zu erklären. Buhrufe. "Es geht doch nicht darum, die Linke zu schwächen. Es geht darum, dass wir breiter und stärker werden, wenn wir die Politik in diesem Land verändern wollen." Deswegen: "Lasst uns die Grabenkämpfe beenden." Doch daraus wird nichts.

Die Berliner Arbeitssenatorin Elke Breitenbach ist aufgesprungen: "Sahra, Du zerlegst gerade diese Partei." Wagenknecht sagt später: "Das, was hier abgeht, ist eine Polarisierung." Parteivize Janine Wissler schickt einen Appell in den Saal: Bitte Ende der Selbstbeschäftigung. Am Schluss stehen plötzlich Kipping, Riexinger, Wagenknecht und Bartsch gemeinsam auf der Bühne: ein Friedenszeichen nach all dem Kampf. Sie geloben Besserung und gehen demnächst in Klausur - wohlgemerkt zu viert. Fortsetzung folgt.