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| 18:46 Uhr

Umweltschutz
Wirbel um die EU-Grenzwerte

 Wenn die Blechlawine rollt, ist es um die Luft schlecht bestellt. Um die Grenzwerte ist ein heftiger Streit entbrannt.
Wenn die Blechlawine rollt, ist es um die Luft schlecht bestellt. Um die Grenzwerte ist ein heftiger Streit entbrannt. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin/Ulm. Die Vorgaben aus Brüssel für eine saubere Luft in der Union sind europaweit verbindlich. Von Dorothee Torebko und Martin Hofmann

Mehr als 100 Lungen­ärzte stellen die EU-Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxide infrage. Schadstoffe sollen die Gesundheit bis zum Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nicht gefährden. Doch stimmt das wirklich? Die RUNDSCHAU hat nachgefragt.

 

Welche Grenzwerte gibt es, und wer setzt sie fest?

Es gibt Grenzwerte für Stickstoffdioxid und für Feinstaub. Der Gesetzgeber, in dem Fall die Europäische Union (Parlament und Mitglied­staaten), legt sie fest. Der Richtwert für Stickstoffdioxid wurde von der Weltgesundheitsorganisation WHO übernommen. Er liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Er muss seit dem Jahr 2010 eingehalten werden. Beim Feinstaub liegt der EU-Grenzwert bei 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Er ist doppelt so hoch wie von der WHO gefordert, die EU lässt also doppelt so viel Feinstaub zu.

 

Wie wird geforscht?

Generell gilt: Die meisten Krankheiten lassen sich nicht auf eine Ursache zurückführen. Um dennoch Ursachen zu finden, vergleichen Epidemiologen jeweils Tausende Menschen, die an verkehrsreichen Straßen wohnen, mit Bewohnern unbelasteter Gebiete. Sie schließen Vorbelastungen wie Rauchen, besondere Lebens- oder Essgewohnheiten sowie Faktoren aus, die als Risiken für bestimmte Krankheiten gelten. So lassen sich Gründe für Erkrankungen finden.

 

Sind Stickstoffdioxid und Feinstaub gefährlich?

Studien aus den USA, Europa und Asien zeigen, dass höhere Belastungen durch Feinstaub-Partikel und Stickstoffdioxid über Jahre und Jahrzehnte hinweg das Risiko erhöhen, an Asthma, Bronchitis, Lungenkrebs, höherem Blutdruck und Schlaganfällen zu erkranken.

Personen mit höherer Belastung werden um bis zu 19 Prozent häufiger krank als andere. Ältere, Kinder und Schwangere reagieren zudem besonders empfindlich. Schon zehn Mikrogramm weniger Schad­stoffe in der Luft senken das Krankheitsrisiko deutlich, in einem Fall bis zu 27 Prozent.

 

Welche Zweifel gibt es?

113 Lungenfachärzte halten diese Studien nicht für aussagekräftig. Die dort festgestellten höheren Risiken seien zu gering. Es würden unterschiedliche Regionen verglichen, in denen die Lebensart der Menschen zu stark voneinander abweiche.

 

Was sagt die Gegenseite?

Die Gesellschaft der Lungenfachärzte und die der Kinderpneumologen kontern: Die vielen epidemiologischen Studien sind aussagekräftig. Sie würden aber ganz ausdrücklich keinen Kausalzusammenhang herstellen. Der Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Umweltmediziner Michael Jaumann betont: „Hoch giftig sind gerade die 20 Prozent der kleinen Feinstaub-Partikel aus Verbrennungsprozessen. An diese lagern sich bis zu 1000 Substanzen aus der schadstoffreichen Stadtluft an. Diese Partikel dringen in die Lungenbläschen ein. Sie werden nach sicheren Erkenntnissen vom menschlichen Organismus aufgenommen.“ Deshalb müssten die gasförmigen Schadstoffe wie die Partikelzahlen dringend reduziert werden. Letztere verstärkten die Schädlichkeit der Gase erheblich.

Für den SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach ist die Gefährlichkeit von Feinstaub lange unterschätzt worden. Heute wisse man: „Der besonders feine Feinstaub geht ins Gehirn und sorgt dort für Alzheimer.“ Damit seien bei hohen Konzentrationen in Innenstädten bereits Kinder gefährdet, daran zu erkranken. Die 100 Lungenärzte, die an den Feinstaub-Risiken zweifelten, seien „komplette Außenseiter“.

 

Warum gelten am Arbeitsplatz höhere Werte?

Am Arbeitsplatz darf die Konzentration von Stickoxid 24-mal höher sein als auf der Straße. Da beträgt der Grenzwert 950 Mikrogramm. Das hat laut Umweltbundesamt folgenden Grund: Die Belastung am Arbeitsplatz betrifft Arbeitende, die gesund sind – und sie ist auf eine bestimmte Zeit begrenzt. Doch von Stickoxiden auf der Straße sind empfindliche Personen rund um die Uhr betroffen.

 

Sind Rauchen und das Abbrennen von Silvesterraketen nicht viel schlimmer als Abgase?

Dieser Vergleich führt in die Irre, sagen führende Mediziner wie die Professorin für Umweltepidemiologie am Uniklinikum Düsseldorf, Barbara Hoffmann. Ja, es komme punktuell zu höheren Belastungen. Der EU-Grenzwert ist aber ein Jahresmittelwert. Es geht außerdem darum, empfindliche Personen zu schützen. Raucher und Menschen, die Silvesterraketen abfeuern, entscheiden sich dafür. Kinder, die im Erdgeschoss am Stuttgarter Neckartor wohnen, nicht.

 

Könnte die Bundesregierung die Grenzwerte aussetzen?

Nein. Die Grenzwerte sind EU-weit gleich. Sie sind ein Teil der Luftqualitätsrichtlinie der Europäischen Union und europarechtlich verbindlich. Das bestätigen Juristen wie der auf Umwelt- und Verkehrsrecht spezialisierte Frank Fellenberg aus Berlin. Aber: Grenzwerte können geändert werden. Derzeit prüft die Europäische Kommission die bestehenden. Ende 2019 gibt es eine Bewertung. Falls das Ergebnis aussagt, dass es Änderungen geben muss, startet ein Revisionsprozess. Der dauert mehrere Jahre.

 

Die Regierung will das Bundes-Immissionsschutzgesetz ändern. Kann sie den Grenzwert für Stickstoffdioxid auf 50 Mikrogramm anheben?

Nein, sagt Verkehrsjurist Frank Fellenberg. „Aber das ist auch nicht vorgesehen“, erläutert er. Der neue Grenzwert ist lediglich eine Leitlinie für Gerichte und Städte. Städten soll der Druck genommen werden, wenn der Jahresmittelgrenzwert nur geringfügig überschritten wird. Die Hoffnung ist: Sie verhängen nicht sofort Fahrverbote.