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| 19:38 Uhr

Tschernobyl 1986
„Wir brauchen einen weltweiten Atomausstieg"

Tschernobyl: Geisterstadt in der Ukraine FOTO: Andrea Johlige
Potsdam. Am 26. April 1986 kam es im ukrainischen Tschernobyl zur schwersten Atomkatastrophe in der Geschichte Europas. Die Falkenseer Landtagsabgeordnete Andrea Johlige beschäftigt sich als Fotografin und Verlegerin schon seit vielen Jahren mit der Situation in der Ukraine. In der vergangenen Woche war sie wieder einmal in Tschernobyl vor Ort. Benjamin Lassiwe hat mit ihr gesprochen. Von Benjamin Lassiwe

Frau Johlige, warum fährt eine Landtagsabgeordnete in die Todeszone von Tschernobyl?

Wir haben ja regelmäßig Debatten über die Frage, wie wir als Gesellschaft Energie gewinnen wollen. In Brandenburg ist vor allem die Windkraft massiv in der Kritik. Gleichzeitig ist die Atomkraft aber eine Form der Energiegewinnung die, wenn etwas schief geht, extrem weitreichende Folgen hat. Das kann man sich am Besten dort ansehen, wo nun für 20 000 Jahre keine Menschen mehr leben können, nämlich in der Zone von Tschernobyl.

Wie ist es dort im Moment?

Es gibt eine dreißig-Kilometer-Sperrzone, in der offiziell niemand mehr leben darf. Es gibt einige Arbeiter, die den Beton-Sarkophag um die Atomruine herum erneuern. Und es gibt etwa 80 bis 100 ehemalige Bewohner, die in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt sind. Sie sind mittlerweile alle schwer an Krebs erkrankt, denn man kann dort nicht dauerhaft gesund leben.

Andrea Johlige..Landtagsabgeordnete in Brandenburg.
Andrea Johlige..Landtagsabgeordnete in Brandenburg. FOTO: Bundespresseportal

Was ist ihr Eindruck vom Sarkophag?

Als ich 2016 das letzte Mal vor Ort war, konnte man sehen, dass die Schutzhülle um das zerstörte AKW extrem baufällig war. Man musste die Sorge haben, dass er zusammenbricht und es zu einem unkontrollierten Austritt von Radioaktivität kommt. Die neue Schutzhülle ist jetzt für hundert Jahre ausgelegt – das heisst aber auch, das Thema wird die Menschheit weiter beschäftigen. In den nächsten tausenden Jahren wird man immer wieder neue Lösungen finden müssen.

Es gab lange viele Hilfsaktionen von Bürgern aus Deutschland für Tschernobyl – heute hat man den Eindruck, dass das langsam weniger wird...

Auch in Brandenburg gibt es noch eine Reihe solcher Initiativen, etwa im Dahme-Spreewald-Kreis, in der Uckermark oder in Eisenhüttenstadt. Diese Initiativen müssen wir weiter unterstützen, auch wenn die Katastrophe von Tschernobyl nun 32 Jahre her ist. Weißrussland und die Ukraine sind bis heute sehr, sehr arme Länder, wo die staatliche Unterstützung für die Tschernobylopfer nicht richtig funktioniert.

Brandenburg will aus der Kohle aussteigen. Wenn dann die Windkraft mal nicht funktioniert, könnte es sein, dass man auf osteuropäischen Atomstrom angewiesen ist...

Das ist das große Dilemma, in dem wir stecken. Deswegen müssen wir die Debatte darüber führen, wie wir Strom erzeugen wollen. Atomkraft und Radioaktivität machen vor Grenzen nicht halt. In Deutschland brauchte es erst Fukushima, bis wir uns entschieden haben, aus dem Atomstrom auszusteigen. Ich glaube, wir müssen diese Debatte heute weltweit weiterführen.

Tschernobyl: Geisterstadt in der Ukraine FOTO: Andrea Johlige