ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:30 Uhr

Bundestagsdebatte über Bluttests
Wie weit soll Gendiagnostik gehen?

 Das Blut gibt immer mehr Informationen über uns und künftiges Leben preis. Dadurch stellt sich der Gesellschaft auch die grundsätzliche Frage: Was soll alles diagnostiziert werden?
Das Blut gibt immer mehr Informationen über uns und künftiges Leben preis. Dadurch stellt sich der Gesellschaft auch die grundsätzliche Frage: Was soll alles diagnostiziert werden? FOTO: dpa / Bernd Thissen
Berlin. Der Bundestag hat leidenschaftlich über die Frage diskutiert, wie weit die Gesellschaft bei der vorgeburtlichen Gendiagnostik gehen soll. Und welchen Stellenwert der Lebensschutz angesichts der immer feiner werdenden Testverfahren auf die Gesundheit ungeborener Kinder hat. Von Hajo Zenker

„Sollen Menschen wie Andreas leben?“ Diese Frage richtete Michael Brand (CDU) am Donnerstag an die anderen Abgeordneten im Bundestag und die Zuhörer, zum Teil mit Down-Syndrom, auf der Besuchertribüne. Denn er habe sich mit einem 31-Jährigen mit Down-Syndrom aus seiner Heimatstadt Fulda angefreundet. Und der habe ihm gesagt: „Ich finde das total doof, dass ich eigentlich nicht leben soll.“

Ist also der Bluttest, der verrät, ob ein ungeborenes Kind mit der auch als Trisomie 21 bezeichneten Chromosomenstörung zur Welt kommen würde, ein Instrument „der Selektion“, wie die Grünen-Abgeordnete Corinna Rüffer, selbst Mutter einer Tochter mit Down-Syndrom, sagte? Und den die Krankenkassen deshalb nicht bezahlen dürfen?

Die meisten der 36 Redner bei der zweistündigen Debatte, in der es ernsthaft zuging und die ohne jede Parteidisziplin bestritten wurde, sahen das anders. Schließlich ist ja bereits ein Test auf das Down-Syndrom eine Kassenleistung: Risikoschwangere haben seit über 30 Jahren den Anspruch auf eine entsprechende Fruchtwasseruntersuchung. Bei dieser wird mit einer Nadel durch die Bauchdecke gestochen, es besteht das Risiko einer Fehlgeburt oder einer Schädigung des Kindes. „Wie können denn die Kassen den gefährlichen Eingriff bezahlen und den risikofreien nicht?“, fragte die FDP-Abgeordnete Christine Aschenberg-Dugnus. Das sah Cornelia Möhring (Linke) ganz genauso so. Auch Karl Lauterbach (SPD) sagte, der Bluttest sei „viel besser“.

Die schwangere Katrin Helling-Plahr (FDP) bekannte, selbst den Test in Anspruch genommen zu haben. Sie leide an einer Schilddrüsenerkrankung und habe im Alter von 13 Jahren von ihrem Arzt gesagt bekommen, sie werde wohl nie Kinder bekommen und bei einer Schwangerschaft Fehlgeburten erleiden.

Als sie das erste Mal tatsächlich schwanger geworden sei, berichtete die Politikerin mit bebender Stimme, habe die ärztliche Auskunft erneut gelautet, eine Fehlgeburt stehe unmittelbar bevor. Zum Glück habe sie einen vollkommen gesunden Jungen zur Welt gebracht. Aber sie kenne all die Ängste, denen viele Eltern ausgesetzt seien. Auch deshalb habe sie selbst bei der jetzigen Schwangerschaft den Test genutzt. „Aber doch nicht, um dann abzutreiben. Der Test hilft, sich auf Kommendes einzustellen.“ Und deshalb sei es unverantwortlich, die für Mutter und Kind gefährlichere Fruchtwasseruntersuchung zu bezahlen, den sicheren Bluttest aber nicht.

Einig waren sich die meisten Bundestagsabgeordneten aber auch, den Bluttest nur bei Risikoschwangerschaften von den Kassen finanzieren zu lassen. Eine flächendeckende Einführung könne zu einem gesellschaftlichen Klima führen, dass Menschen mit Down-Syndrom als Gruppe verschwinden, meinte Beatrix von Storch (AfD). Dabei seien diese „so unvollkommen wie wir alle“. Sie lebten, lachten und würden geliebt.

Und Kirsten Kappert-Gonther (Grüne) berichtete, in Island werde der Bluttest für jede Schwangere angeboten. Dort kämen mittlerweile kaum noch Kinder mit Down-Syndrom zu Welt. Die Abtreibung sei dort der Normalfall. „Das will ich für uns nicht.“

 Das Blut gibt immer mehr Informationen über uns und künftiges Leben preis. Dadurch stellt sich der Gesellschaft auch die grundsätzliche Frage: Was soll alles diagnostiziert werden?
Das Blut gibt immer mehr Informationen über uns und künftiges Leben preis. Dadurch stellt sich der Gesellschaft auch die grundsätzliche Frage: Was soll alles diagnostiziert werden? FOTO: dpa / Bernd Thissen