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| 17:51 Uhr

Schürer-Papier
Wie stand es eigentlich um die DDR-Finanzen?

 Wichtige Exporte: Dieser Schaufelradbagger des Typs SRS 1800 wurde 1986 mit Takraf-Know-how in Spanien aufgebaut. Durch mangelnde Exportkraft fehlten der DDR auch Devisen.
Wichtige Exporte: Dieser Schaufelradbagger des Typs SRS 1800 wurde 1986 mit Takraf-Know-how in Spanien aufgebaut. Durch mangelnde Exportkraft fehlten der DDR auch Devisen. FOTO: ADN Zentralbild
Berlin. Wie pleite war die DDR? Diese Frage stellen sich immer noch viele Menschen, die in der Republik gelebt und gearbeitet haben. Auch wenn sie 1989 nicht bankrott war: Jahrelang hatte sie über ihre Verhältnisse gelebt. Das belegt auch das Schürer-Papier – eine Analyse über die wirtschaftliche Lage in der Wendezeit. Von Nina Jeglinski

Dass die DDR in einer Krise steckte, war vor 30 Jahren unübersehbar, die Infrastruktur, der Zustand vieler Innenstädte und die Versorgungslage waren desolat. Doch Krisen hatte die DDR viele erlebt, vor allem auch Anfang der 1960er-Jahre. Damals präsentierte die Parteiführung mit dem „Neuem Ökonomischen System der Planung und Leitung“ (NÖS) ein Programm, das die Wirtschaft reformieren sollte. Einen ähnlichen Auftrag erhielt Gerhard Schürer, Chef der Zentralen Plankommission der DDR, von dem neuen Generalsekretär Egon Krenz. Die neue Führung, die Mitte Oktober 1989 Erich Honecker beerbt hatte, wollte sich einen Überblick über die wirtschaftliche Lage der DDR verschaffen.

Im Salon der Rohnstock Biografien in Berlin, diskutierten die Zeitzeugen Walter Siegert, von 1980 bis 1990 Staatssekretär beim Finanzminister und 1990 Minister der Finanzen in der Modrow-Regierung, sowie Uwe Trostel, Vorsitzender der Bezirksplankommission Magdeburg (1979 bis 1987), Leiter der Zentralen Staatlichen Inspektion für Investitionen bei der Staatlichen Plankommission, Mitglied im Kabinett Modrow (1989) und Mitarbeiter bei der Treuhandanstalt (1990 bis 1992).

Das Schürer-Papier war als „geheime Verschlusssache“ eingestuft und wurde dem Politbüro in einer limitierten Anzahl von 37 Exemplaren als „Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlußfolgerungen“ in der Sitzung am 30. Oktober 1989 vorgelegt. Schürer, der sich jahrzehntelang mit dem Chef-Planer der DDR und Honecker-Vertrauten, Günter Mittag, Auseinandersetzungen über den wirtschaftlichen Kurs der DDR geliefert hatte, sah nach dem Abgang Honeckers eine Gelegenheit „alles schonungslos offenzulegen“. Schürers Analyse war für die neue Staats- und Parteiführung niederschmetternd: Dem Papier zufolge war die Verschuldung der DDR im nichtsozialistischen Währungsgebiet derart hoch, dass ihre Zahlungsfähigkeit angezweifelt und als Beweis für den Staatsbankrott der DDR gewertet wurde.

Jedoch ist wenige Jahre nach Veröffentlichung des Papiers belegt worden, dass wesentliche Aussagen in der Analyse, insbesondere über die Verschuldung der DDR in den westlichen Staaten, falsch waren und der Bericht als Dramatisierung eingestuft wurde. So beliefen sich etwa die DDR-Auslandsschulden keineswegs wie im Schürer-Papier behauptet auf 49 Milliarden, sondern lediglich auf 19,9 Milliarden Valutamark (entsprechend einer Bilanz der Deutschen Bundesbank von 1999). Auch Gerhard Schürer selbst korrigierte bereits 1990 seine Analyse vom Oktober 1989: „Die Auslandsverschuldung der DDR war mit 20,3 Milliarden DM um mehr als die Hälfte niedriger, als wir im Oktober 1989 ausgewiesen haben,“ sagte er damals in einem Interview.

Das Schürer-Papier, darin stimmte auch die Runde im Salon Rohnstock überein, war keine Bankrotterklärung, sondern sollte ein nachdrücklicher Weckruf der Verfasser in Richtung der neuen Staats- und Parteiführung sein, Auswege aus der Krise zu finden. Doch das gelang nicht, im Gegenteil. „Bereits wenige Tage nach der Sitzung des Politbüros am 30. Oktober 1989, kursierte das Papier bei der damaligen Bundesregierung in Bonn“, erinnert sich Walter Siegert.

Als undichte Stelle gilt: Alexander Schalck-Golodkowski, Chef-Außenhändler der DDR und Oberst im Ministerium der Staatssicherheit. Er war Co-Autor des Schürer-Papiers. Schalck habe selten mit offenen Karten gespielt.

Die Fehler der DDR hätten viel früher korrigiert werden müssen. Ab den 1970er-Jahren hätte das Land mehr in Stahl und Werften investieren sollen. Anstatt eine eigene Mikroelektronikindustrie aufzubauen, die international nie konkurrenzfähig war, hätte der Handel mit westlichen Ländern wie Frankreich und Japan intensiviert werden müssen.

Doch das ist Theorie. Ein Zuhörerin bringt die damalige Stimmung auf den Punkt: „Ab Herbst 1989 haben wir uns vom Westen erklären lassen, dass wir 40 Jahre lang auf dem Holzweg waren. Leider haben das damals viele geglaubt und die Entscheidungskompetenzen komplett nach Bonn abgegeben“, resümiert Salon-Besucherin Christa Bertag, frühere Generaldirektorin des VEB Kosmetik Kombinat Berlin.

 Wichtige Exporte: Dieser Schaufelradbagger des Typs SRS 1800 wurde 1986 mit Takraf-Know-how in Spanien aufgebaut. Durch mangelnde Exportkraft fehlten der DDR auch Devisen.
Wichtige Exporte: Dieser Schaufelradbagger des Typs SRS 1800 wurde 1986 mit Takraf-Know-how in Spanien aufgebaut. Durch mangelnde Exportkraft fehlten der DDR auch Devisen. FOTO: ADN Zentralbild