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| 18:40 Uhr

Ivanka Trump
Wie ein Kontrastprogramm zum Vater

Beginnt Ivanka Trump (l.) sich abzusetzen von ihrem Vater? Oder spielt sie nur perfekt eine Rolle?
Beginnt Ivanka Trump (l.) sich abzusetzen von ihrem Vater? Oder spielt sie nur perfekt eine Rolle? FOTO: dpa / Bernd von Jutrczenka
Washington. Ivanka Trump ist gerade dabei, so etwas wie einen Relaunch zu starten: Sie bleibt auf absehbare Zeit im Weißen Haus. Von Frank Herrmann

Was sie wohl sagt zu den Kindern, die über die Grenze aus Mexiko kamen und dann von ihren Eltern getrennt wurden? Ivanka Trump sitzt in einem schwarzen Ledersessel im Newseum, dem Medienmuseum Washingtons, und lässt sie Revue passieren, die schockierenden Szenen, die sich am Rio Grande abspielten. „War es der Tiefpunkt?“, fragt Mike Allen, Chef des Online-Portals Axios, einer Nachrichtenbörse, auf die Washington-Insider nicht mehr verzichten mögen. „Ja, auch für mich war es ein Tiefpunkt“, antwortet die Lieblingstochter des Präsidenten, der das Auseinanderreißen illegal eingewanderter Migrantenfamilien zu verantworten hat. „Ich habe da sehr starke Gefühle. Ich bin vehement gegen die Trennung von Eltern und Kindern.“

Die Sätze werden hinterher für Schlagzeilen sorgen, genau wie die im Grunde lapidare Bemerkung, dass die Medien nicht die Feinde des Volkes seien. Ist Ivanka damit nicht deutlich auf Distanz gegangen zu ihrem Vater? Beginnt sie sich abzusetzen von Donald Trump? Ihre Stimme ist weich, laut wird sie nie, und was sie sagt, lässt jede Schärfe vermissen, jegliche Zuspitzung. Es gibt in Amerika Lehrgänge, bei denen man lernt, so zu reden, dass man nirgends aneckt, selbst wenn man nur noch Phrasen aneinanderreiht. Ivanka Trump, aufgewachsen in den besseren Kreisen New Yorks, klingt, als wäre sie die Musterschülerin eines solchen Kurses gewesen. Sie klingt wie ein Kontrastprogramm zu ihrem Vater.

Dass sie eigentlich anders ist, schildert die Journalistin Emily Jane Fox in einem neuen Buch mit dem Titel „Born Trump“. Die Frau spiele eine Rolle, schreibt Fox. In Wahrheit sei sie interessanter, widersprüchlicher, „sie kann fluchen wie ein Schiffsmatrose“. Sie pflege ein Image, das nicht zu ihr passe. Egal, spätestens seit ihrem Einzug ins Küchenkabinett des Weißen Hauses ist sie nur noch die Musterschülerin. Milde im Ton, und in der Substanz gewiss nicht der Gegenentwurf zur Politik Donald Trumps.

Zur Trennung von Eltern und Kindern am Rio Grande hat sie wochenlang geschwiegen. Während viele Amerikaner ihrer Empörung Luft machten, twitterte sie ein Foto, das sie an einem schönen Sonntagmorgen mit ihrem zweijährigen Sohn auf dem Arm zeigte. Ob sie taub und blind sei, bekam sie zu hören. Ihr Talk im Newseum ist denn auch ein verspäteter Versuch, der Kritik die Spitze zu nehmen. Ohne wirklich anzuecken bei ihrem Vater. „Meine Mutter ist in der kommunistischen Tschechoslowakei aufgewachsen, doch sie kam legal in dieses Land“, schickt sie voraus. Ein Rechtsstaat dürfe keine Anreize für Leute schaffen, die ihre Kinder Gefahren aussetzen, indem sie sich auf eine gefährliche Reise mit Schleppern begeben.

Zufall ist er nicht, der Auftritt, mit dem Ivanka nach längerer Pause wieder ins Rampenlicht tritt. Im November stehen Kongresswahlen an, eine Art Referendum über Trump. Begreift man dessen Familie als eingespieltes Wahlkampfteam, dann übernimmt die älteste Tochter den Part der Sanften, während ihr Vater donnert und wütet und die Wahrheit verbiegt, Hauptsache, der harte Kern seiner Anhänger feiert ihn als Rebellen. Die Rollenverteilung hat schon einmal funktioniert, in den Wochen vor dem Coup des Novembers 2016. Auch weil Ivanka so beruhigend nett wirkte, glaubten schwankende Wähler, dass Donald Trump den Wüterich nur spiele und damit schon aufhören werde, wenn er erst im Oval Office sitze.

Jedenfalls bleibt sie im Weißen Haus. Noch vor Kurzem hatte es Gerüchte gegeben, wonach es sie samt Familie zurück nach New York ziehe, nur weg aus Washington, dieser Schlangengrube voller Intrigen. Dann aber ließ sie wissen, dass sie ihre Modemarke abwickelt, um auch die nächsten Jahre hochkonzentriert in der Regierungszentrale zu verbringen. Natürlich zusammen mit ihrem Mann, Jared Kushner. Das Duo „Javanka“, Jared & Ivanka, von Voreiligen bereits abgeschrieben, wird weiter am Tisch sitzen, wenn Entscheidungen fallen.

Auch für Kushner ist es der Versuch, wieder aus dem Schatten zu treten und seine Position im Dauerduell mit John Kelly, Trumps resolutem Stabschef, zu stärken. Sein Schwiegervater hatte ihn einst zu einer Art Wunderknaben erklärt und ihm Schlüsselprojekte seiner Außenpolitik übertragen, das komplexe Verhältnis zu China, nachgebesserte Handelsabkommen mit Mexiko, eine Friedensmission im Nahen Osten. In Nahost ist der ehemalige Immobilienunternehmer komplett gescheitert, zumal die Palästinenser in den USA keinen neutralen Vermittler mehr sehen. Im Frühjahr veranlasste Kelly, dass Kushner nicht mehr alle Geheimdienstinformationen lesen durfte. Zuvor waren Presseberichte erschienen, nach denen China, Mexiko, Israel oder die Vereinigten Arabischen Emirate Informationen über seine Geschäfte nutzen könnten, um ihn politisch zu beeinflussen. Irgendwann machte selbst der Präsident Witze auf seine Kosten, kolportiert von der New York Times. Er hätte Tom Brady, den Football-Spielmacher, zum Schwiegersohn haben können, soll Trump gespöttelt haben. „Stattdessen bekam ich Jared Kushner.“

Das alles will Ivanka Trump vergessen lassen. Sie habe sich großen Aufgaben zu widmen, betont sie im Newseum, etwa einer Reform, die endlich bezahlten Mutterschutz garantiere. „Wussten Sie das? Wir sind neben Papua-Neuguinea das einzige Land, das Müttern nach der Geburt eines Kindes keinen Schutz anbietet.“