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| 11:47 Uhr

Besuch bei den Gossner-Kirchen Indiens
Wie ein Dorf in Indien zur Kiefer kam

Ranchi. Im indischen Urwald gründeten Missionare aus Berlin und Brandenburg einst eine Kirche. Bis heute gibt es eine lebendige Zusammenarbeit und viele gemeinsame Projekte: Ein Besuch bei den Gossner-Kirchen Indiens. Von Benjamin Lassiwe

Mitten auf dem Dorfplatz steht eine Kiefer. Ringsherum wachsen Palmen und Mangobäume, machen Elefanten die Felder der Dorfbewohner unsicher, pflanzen die Einheimischen Reis an. Der deutsche Missionar Wilhelm Kiefel, den es im 19. Jahrhundert in den Norden Indiens verschlug, brachte den Nadelbaum aus seiner Heimat mit. So erzählt man es sich bis heute in Govindpur, einer kleinen Siedlung im Nordwesten der indischen Millionenstadt Ranchi, der Hauptstadt des Bundesstaates Jharkand.

Kiefels Kiefer zeugt davon, dass in der Gegend, die vor allem von kastenlosen indischen Ureinwohnern, den Adivasi, bewohnt wird, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Berliner Gossner Mission aktiv ist. Der Berliner Pfarrer Johannes Evangelista Gossner hatte 1845 die ersten Missionare geschickt: Handwerker aus Berlin und Brandenburg, aber auch aus Westfalen und Ostfriesland, die theologisch geschult wurden und in der Lage waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Sie sollten den Menschen am Rande der Gesellschaft das Evangelium bringen, und dazu beitragen, dass sich ihr Lebensstandard verbessert. Und damit waren sie erfolgreich: Heute gibt es in Indien die Gossner Evangelical Lutheran Church (GELC), die mit rund 500 000 Gemeindegliedern die zweitgrößte lutherische Kirche Indiens ist. Und die North-Western Gossner Evangelical Lutheran Church (NW-GELC), die sich 1977 von der GELC abspaltete  und mit 128 000 Gemeindegliedern die viertgrößte lutherische Kirche im Land ist.

In diesem Jahr haben beide Kirchen etwas zu feiern: 1919, vor 100 Jahren, haben sie ihre Autonomie erklärt. Denn nach dem Ersten Weltkrieg mussten die deutschen Missionare das britische Protektorat Indien verlassen. Und die Gossner-Kirche wurde die erste von westlichen Missionaren gegründete Kirche in den Ländern der „Dritten Welt“, die unabhängig wurde. Heute pflegt sie mit der Berliner Gossner Mission eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Zum Beispiel beim Jugendaustausch: Junge Christen aus Deutschland gehen als Nord-Süd-Freiwillige für bis zu ein Jahr nach Indien, junge Inder kommen nach Deutschland. Einer von ihnen ist Mukut Bodra, der sechs Monate in Berlin zu Gast war, und dort in einem Kindergarten mithalf. Heute setzt er sich dafür ein, dass in Govindpur ein Kindergarten nach deutschem Vorbild gegründet wird. „Ich habe in Deutschland gesehen, dass die Kinder viel Zeit für freies Spielen hatten und dass sie spielerisch Dinge gelernt haben“, sagte er, als eine Delegation der Gossner-Mission kürzlich in Govindpur zu Gast war. Diesen reformpädagogischen Ansatz will die indische Gossner-Kirche nun übernehmen.

 Superintendent Helmut Kirschstein (r.), stellvertretender Vorsitzender der Gossner Mission, und der Bischof der North-Western Gossner Evangelical Lutheran Church (NW-GELC), Dular Lakra (l.), beim Jubiläum.
Superintendent Helmut Kirschstein (r.), stellvertretender Vorsitzender der Gossner Mission, und der Bischof der North-Western Gossner Evangelical Lutheran Church (NW-GELC), Dular Lakra (l.), beim Jubiläum. FOTO: Benjamin Lassiwe

„Bildung ist der Gossner Mission ein wichtiges Anliegen, schon seit Gossner die ersten Missionare aussandte“, ergänzt deren stellvertretender Vorsitzender, der Norder Superintendent Helmut Kirschstein. Denn Bildung führe dazu, dass Menschen Armut hinter sich lassen könnten. „Deswegen freuen wir uns, wenn wir unsere Partner hier unterstützen können.“ Im Moment freilich treffen sich die Kindergartenkinder von Govindpur noch in einem Wohnheim für Schülerinnen, während dessen Bewohnerinnen die Schulbank drücken. Doch auch dieses Wohnheim wurde mit Unterstützung aus Deutschland gebaut. Der damalige Berliner Bischof Wolfgang Huber hatte es einst eingeweiht, seine Gattin Kara feierlich eröffnet. Und noch andere Spuren der Zusammenarbeit finden sich in Govindpur: Eine Adventstischdecke aus der DDR. Oder das eine oder andere vom Sozialismus geprägte Buch in deutscher Sprache.

In den 1980er-Jahren konnte auch die DDR einen Theologen zur Partnerkirche nach Indien entsenden: Pfarrer Willibald Jacob, der später für die PDS im Bundestag saß. In Deutschland war er durchaus umstritten, für viele Kirchenleute ein „dunkelrotes Tuch“. In Govindpur aber sprechen sie noch heute gut von ihm: Auf den Feldern hinter dem Dorf ließ er Mangobäume pflanzen, die noch heute Früchte tragen und  eine Autowerkstatt errichten. „Mich hat Willibald Jacob mit seinem Einsatz für die Hilfe zur Selbsthilfe überzeugt“, sagt Pfarrerin Beatrix Spreng. Die Theologin, die die Gemeinde Joachimsthal in der Schorfheide leitet, hatte schon mehrfach Gruppen der indischen Gossner-Kirche in ihrer Gemeinde zu Gast. Zuletzt war es eine indische Jugendband, die „Gossners“, die sich mit Jugendlichen aus Brandenburg traf. Auch in der Lausitz gibt es Freunde der Gossner Mission: Der Eine-Welt-Laden des Vereins „Kranich“ am Marktplatz in Senftenberg zum Beispiel unterstützt die Mission schon seit vielen Jahren, berichtet Ulrike Eberhard-Lauterbach. In diesem Jahr gehen die Erlöse aus dem Verkauf von Tee und Kaffee allerdings an ein Projekt in Sambia, wo die Gossner Mission seit einigen Jahren ebenfalls aktiv ist. 

  In der Nähe von Ranchi    errichtet die Nord-West-Kirche einen neuen Kirchenbau.
In der Nähe von Ranchi errichtet die Nord-West-Kirche einen neuen Kirchenbau. FOTO: Benjamin Lassiwe

In Indien steht derzeit alles im Zeichen des Jubiläums von 100 Jahren kirchlicher Selbstständigkeit. Als die Nordwest-Gossner-Kirche Anfang Juli zu einem Festgottesdienst zu 100 Jahren Autonomie einlud, kamen die Gäste aus Deutschland aus dem Staunen nicht mehr heraus. Fast 20 000 Menschen kamen in Marla bei Ranchi zusammen. Der Bischof der indischen Nordwest-Gossner-Kirche, Dular Lakra, und die Delegation der Gossner Mission wurden mit einer Motorrad-Eskorte zum Festplatz gefahren. Tänzerinnen führten Volkstänze auf, und sogar ein eigenes Kirchenlied hatten die Gastgeber aus Anlass des Jubiläums dichten lassen, passenderweise zur Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“. Nur eines überschatte die Festtagsfreude etwas: Eine Wiedervereinigung der beiden getrennten Gossner-Kirchen scheint noch lange nicht in Sicht zu sein.

Doch immerhin nahm der leitende Bischof der Gossner Kirche, Johan Dang, am Festgottesdienst der abgespaltenen Nordwest-Gossner-Kirche teil. „Dass die Bischöfe heute hier Seite an Seite sitzen, macht mir Hoffnung“, sagte dann auch Helmut Kirschstein beim Gottesdienst in Marla. „Ich bin sicher, dass es eine unendliche Freude im Himmel und auf Erden geben wird, wenn die Gossnerschen Christen Hand in Hand in eine gemeinsame Zukunft gehen!“

 Helmut Kirschstein (l.) mit dem leitenden Bischof der Gossner Kirche, Johan Dang (r.).
Helmut Kirschstein (l.) mit dem leitenden Bischof der Gossner Kirche, Johan Dang (r.). FOTO: Benjamin Lassiwe