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| 14:51 Uhr

Sommertour
„Sie zeigt einen irrsinnigen Einsatz“

Andrea Nahles (M.),  spricht in Franktfurt am Main mit Mietern im Stadtteil Ostend, die sich seit fünf Jahren gegen die Gentrifizierung wehren. Am 15. August wird wird Nahles in der Lausitz erwartet..
Andrea Nahles (M.),  spricht in Franktfurt am Main mit Mietern im Stadtteil Ostend, die sich seit fünf Jahren gegen die Gentrifizierung wehren. Am 15. August wird wird Nahles in der Lausitz erwartet.. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Frankfurt am Main. Wie die SPD Chefin Andrea Nahles ihre Partei wieder auf Vordermann bringen will. Von Mathias Puddig

An einem der heißesten Tage des Jahres landet Andrea Nahles mitten im Chaos. Die Chefin der SPD ist im Rahmen ihrer Sommerreise nach Frankfurt am Main gereist, beim ersten Termin will sie sich über digitale Bildung informieren. Doch ihr Flug aus Berlin verspätet sich um mehr als eine Stunde. Als sie in der Haba-Digitalwerkstatt ankommt, ist der kleine Raum in Frankfurt-Bornheim hoffnungslos mit Kindern, Eltern, Pä­dagogen, Politikern und Journalisten überfüllt. Die Luft steht, es riecht ein wenig nach Klebstoff, einzig das Piepen des 3D-Druckers übertönt den Kinderlärm. Es ist reines Glück, dass niemand „Tomi den Flitzer“ zertritt, einen Roboter, der von den Grundschülern Ben und Zack programmiert wurde. Und dann verliert Andrea Nahles auch noch bei einem Computerspiel. „Abgesoffen“, sagt sie schon nach wenigen Sekunden. „Was hab’ ich falsch gemacht?“

Es wäre einfach, diese Szene mit der aktuellen Lage der Sozialdemokratie zu vergleichen. Auch sie ist bei der Bundestagswahl abgesoffen und dümpelt seitdem in Umfragen bei um die 18 Prozent. Ein Hang zum Chaos wird den Sozialdemokraten ebenfalls nachgesagt. Nur: Nahles fragt nicht, was sie falsch gemacht hat.

Die 48-Jährige aus der Eifel führt die SPD seit 100 Tagen – und die waren nicht leicht. Die Partei liegt am Boden und muss dennoch mitregieren. Nahles’ Aufgabe ist es, die SPD wieder aufzurichten, bevor es endgültig zu spät ist. Das Zeug dazu hat sie: Nahles bringt Ehrgeiz und Fleiß mit, hat Freude an der Politik und denkt gern ein paar Schritte voraus. Sie gilt als verlässlich, anders als ihr Vorgänger Sigmar Gabriel. Sie denkt in langen Linien.

Nahles kommt aus der Parteilinken. Unter Gerhard Schröder war sie eine der lautesten und klügsten Kritikerinnen der Hartz-Reformen. Vor neun Jahren verfasste sie eine vernichtende Analyse des Schröder-Gabriel-Kurses. Es gibt Politikwissenschaftler, die ihr deshalb eine glaubhafte Re-Sozialdemokratisierung der Partei zutrauen. Dazu gehört auch ein klares Zukunftsprogramm. Nahles reicht es nicht, auf die Agenda 2010 zu schimpfen. Sie will neue Ideen. Noch im Juni beklagte sie: „Die Schubladen im Willy-Brandt-Haus waren auch nicht übermäßig mit Visionen gefüllt, als ich nachgeguckt hab.“

Das will sie mit dem Erneuerungsprozess nachholen. Erste Arbeitspapiere liegen vor, im November sollen Debattencamps weitere Impulse geben. Das verlangt den Genossen einiges ab, es kostet Geduld und Energie. Aber es bindet die Mitglieder ein.

Als sich Nahles im April mit ihrem Kurs zur Wahl stellte, verweigerte ihr ein Drittel der Delegierten das Mandat. Nahles war sichtlich erschüttert. Dabei ging da der Ärger erst los: In den folgenden Wochen gab es Streit über die Russlandpolitik, über ihren Satz „Wir können nicht alle aufnehmen“, über den Familiennachzug. Schon Mitte Mai drohten einige SPD-Abgeordnete, die Koalition platzen zu lassen, weil die SPD mit ihren Themen in der Debatte einfach nicht durchdrang. Und Mitte Juni hätte die CSU ihnen diesen Wunsch beinahe auch noch erfüllt, als sie einen heftigen Streit mit der CDU über die Asylpolitik anzettelte.

Die Koalition platzte nicht, und das ist auch Nahles’ Verdienst. Nachdem die SPD zunächst von dem Streit überrumpelt war, schaffte die Partei- und Fraktioschefin hinter den Kulissen Ordnung. Der SPD-Vorstand beschloss – einstimmig, wie immer wieder betont wurde – ein Fünf-Punkte-Papier, sodass Andrea Nahles und Olaf Scholz mit klaren Positionen in die Verhandlungen mit der Union gehen konnten. Niemand aus der Partei schoss quer. Am Ende war die Regierung gerettet, ohne dass die SPD eine ihrer Positionen aufgeben musste. Es war Nahles’ erstes Meisterstück. Das weiß sie. Angeblich sagte später sogar ihr Vorgänger und Intimfeind Sigmar Gabriel anerkennend: „Das hat sie gut hinbekommen.“ Das Problem: Wenn dieser Erfolg überhaupt einen Effekt hatte, dann den, dass die SPD nicht noch weiter in den Umfragen verloren hat. Gewonnen hat sie damit nichts, gerettet ist die SPD erst recht noch nicht.

Damit sich das ändert, packt Nahles entschlossen zu. In allen SPD-geführten Ministerien hat sie ihre Vertrauten installiert, auch das Willy-Brandt-Haus baut sie um. In 30 Jahren SPD-Mitglied­schaft hat Nahles beinahe jedes wichtige Parteiamt innegehabt. Sie weiß genau, wo sie intern ansetzen muss. Noch am Tag ihrer Wahl zur Parteichefin machte sie ihren Vertrauten Thorben Albrecht zum Bundesgeschäftsführer der SPD.

Und auch vor liebgewonnenen Traditionen macht Nahles nicht halt. Zuletzt hat sie beschlossen, die Historische Kommission abzuschaffen, die sich seit 1982 um die Geschichte der stolzen Partei kümmert. Das schmerzt zwar einige, doch Nahles lässt sich auf diese Debatte nicht ein. Öffentlich kommentiert sie ihren Beschluss nicht einmal. Wenn sie etwas will, kann sie sehr hart sein. Und wenn sie etwas für unterkomplex hält, für unnötig oder für längst gelöst, kann sie auch ungeheuer genervt sein.

Genervt ist Nahles auch auf ihrer Sommerreise, allerdings von sich selbst. Beim Besuch des Rollstuhlbasketballvereins RSV Lahn-Dill in Wetzlar packt sie der Ehrgeiz. Vom Rollstuhl aus wirft sie den Ball auf den Korb. Sie macht keine gute Figur dabei: Das würden die wenigsten, wenn sie sitzend einen Ball werfen. Doch die Bilder interessieren sie nicht. Nahles will das schaffen. Ihr Unterkiefer arbeitet, das tut er immer, wenn sie sich konzentriert. Als sie schon das zweite Mal danebenwirft, erklärt ihr der Trainer, dass der Korb ja auch einen Meter höher hängt als normal. „Das ist ja ein Trost jetzt“, mault sie sarkastisch. Die Höhe interessiert sie nicht, sie will den Ball versenken. Und beim vierten Wurf gelingt ihr das auch.

Geht es um Nahles, berichten viele Genossen von dieser Willensstärke – und zwar anerkennend. „Andrea Nahles zeigt einen irrsinnigen Einsatz“, sagt Juso-Chef Kevin Kühnert, der Nahles beim Streit über den Regierungseintritt noch in große Not gebracht hatte. „Sie nimmt sich wahnsinnig viel Zeit für persönliche Rücksprachen, ruft auch früh morgens oder spät abends noch einmal an.“

Lob kommt auch von Johannes Kahrs, dem Sprecher des mächtigen Seeheimer Kreises: „Sie hält den Laden zusammen. Sie führt.“ In der Bundestagsfraktion hat Nahles einen Schichtdienst durchgesetzt, der die Anwesenheit der Abgeordneten im Bundestagsplenum regelt. Um die Anwesenheit auch bei den Fraktionssitzungen sicherzustellen, werden alle, die fehlen, von der Rednerliste fürs Plenum gestrichen.  Nahles ist nicht beliebt, nie gewesen. Das sagen sogar Genossen, die es gut mit ihr meinen. Einer erzählt, dass sie oft nicht einmal zu Unterbezirks-Jubiläen eingeladen wird, weil die Genossen lieber Malu Dreyer, Stephan Weil oder Manuela Schwesig vor Ort haben. Beim Wähler sieht’s nicht besser aus. Seit Jahren sind Nahles’ Popularitätswerte im Keller.

Dabei kann Andrea Nahles eigentlich gut mit Menschen. Als Zack, der Junge mit „Tomi dem Flitzer“, erklären soll, was er mit seinem Minicomputer gemacht hat, muss er zugeben: „Daran kann ich mich nicht erinnern.“ Nahles reagiert ohne Zögern: „Die Formulierung kannste noch gut gebrauchen.“ Allgemeines Gelächter, die Stimmung ist gut.