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Wer sitzt beim Brexit am Steuer?

Sie sitzt am Steuer, er aber auch: Theresa May und Boris Johnson.
Sie sitzt am Steuer, er aber auch: Theresa May und Boris Johnson. FOTO: dpa
London/Brüssel. () Wäre Großbritannien ein Auto und der Brexit das Ziel, würde es dann vom Fahrersitz oder von der Rückbank aus gelenkt? Der Fahrer auf der Rücksitzbank ist Außenminister Boris Johnson. Am Steuer sitzen sollte eigentlich Premierministerin Theresa May. dpa/sm

Vor ihrer groß angekündigten Brexit-Rede heute in Florenz hatte Johnson voriges Wochenende seine Vision für den EU-Austritt vorgelegt und May damit düpiert. Der Gastbeitrag in der konservativen Tageszeitung "Daily Telegraph" wurde als Herausforderung an die Regierungschefin gewertet. May gilt seit der schiefgelaufenen Parlamentswahl im Juni als angezählt.

Doch plötzlich schlug Johnson wieder sanfte Töne an: Die Regierung sei sich in Sachen Brexit einig wie ein "Nest singender Vögel", zwitscherte er.

Am Donnerstag tagte das Kabinett zweieinhalb Stunden in der Downing Street - möglicherweise ein Einschwören auf die Grundsatzrede. Medien spekulierten, May wolle finanzielle Zugeständnisse an die EU machen, um die schleppenden Brexit-Verhandlungen mit Brüssel vor der nächsten Runde kommende Woche zu beleben. Die "Financial Times" nannte eine Summe von 20 Milliarden Euro. So viel zahlt Großbritannien in etwa für zwei Jahre an Netto-Mitgliedsbeiträgen an die EU. Brüssel fordert aber bis zu 100 Milliarden Euro, und zwar für gemeinsam eingegangene EU-Finanzverpflichtungen wie Pensionslasten.

Johnson hat zwar vage in Aussicht gestellt, alte Pflichten zu erfüllen. Zahlungen für den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt lehnte er in seinem Artikel aber ab. May hat alle Mühe, ihre Landsleute davon zu überzeugen, dass sie am Steuer sitzt. "Diese Regierung wird von vorne gesteuert" und "Boris ist Boris", sagte sie auf dem Weg zur UN-Vollversammlung nach New York.