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| 15:47 Uhr

Minister in der neuen Groko
Merkels graue Eminenz

Berlin. Was auf künftige Bundesminister in einer neuen Großen Koalition zukommt – Teil 4: Helge Braun (Kanzleramtsminister). Von Hagen Strauss

Gearbeitet wird fast rund um die Uhr im Büro auf der siebten Etage, gleiche Ebene mit der Kanzlerin – als Kanzleramtsminister ist man eine graue Eminenz. Interviews gibt der Amtsinhaber eher selten, öffentliche Termine außerhalb des eigenen Wahlkreises sind überschaubar. Eine Rolle, die offensichtlich zu Helge Braun passt. Denn der künftige Chef von Angela Merkels Regierungszentrale ist für viele ein großer Unbekannter. Außerdem hat er in den vergangenen Jahren das Strippenziehen gelernt.

Groß und schwergewichtig ist der 45-jährige Ex-Anästhesist auch in voller Pracht. So wie sein Vorgänger Peter Altmaier, der in der neuen Groko als Minister ins Wirtschaftsressort wechselt. Altmaier verstand es freilich, sich als „ChefBK“, wie sein Posten im Haus abgekürzt wird, in Szene zu setzen. Zum einen war Altmaier Flüchtlingskoordinator, zum anderen war er einer breiten Öffentlichkeit schon aus anderen Regierungsämtern wie dem des Umweltministers bekannt. Galt es, jemanden auf heikle Mission zu schicken, hieß es von Merkel stets: „Peter, mach Du.“

Braun kannten hingegen bisher nur Insider. Am Dienstag lud er ins Kanzleramt ein – die meisten Journalisten im eng vernetzten Berliner Betrieb dürften ihm persönlich fremd gewesen sein.

Braun ist in den vergangenen vier Jahren einer von vier Staatsministern im Kanzleramt gewesen. Der Gießener war bisher vor allem zuständig für die Koordinierung der Bund-Länder-Beziehungen. Jeden Mittwoch fuhr er nach der Sitzung des Kabinetts zum Bundesrat und berichtete dort den Beauftragten der Ministerpräsidenten über die Kabinettsentscheidungen. Vor allem musste er dann über die Gesetzentwürfe verhandeln, bei denen die Bundesregierung auf die Zustimmung der Länder angewiesen war. Sein Prinzip: Freundlich zuhören, Bedenken ernst nehmen und so Widerstand gar nicht erst aufkommen lassen. Wer Braun am Dienstag erlebte, als es um die Probleme beim Diesel ging, der konnte diese Methode klar wiedererkennen.

Nun steht zu den Aufgaben, gar zu inhaltlichen Plänen, die ihn erwarten, nichts im neuen schwarz-roten Koalitionsvertrag. Alles andere wäre auch eine Überraschung, denn konkrete Vorhaben gehören nicht zum Portfolio des Amtschefs. Lediglich an einer Stelle wird der Job erwähnt: Die Union werde ihn „im Range eines Bundesministers“ besetzen. Logisch, dass Merkel einen Parteifreund auf dem Posten haben will. Denn er fußt auf Vertrauen und Verlässlichkeit. Merkel erwartet von Braun, dass in ihrer Regierungszentrale ein Rad ins andere greift, dass die Kooperation der einzelnen Minister und die Koordination der Ressorts funktionieren. Braun leitet künftig die Runden der beamteten Staatssekretäre aller Bundesministerien, die regelmäßig zwei Tage vor der Kabinettssitzung stattfinden. Haben Ministerien zu einem Vorhaben unterschiedliche Auffassungen, muss der Kanzleramtschef einen Kompromiss finden. Kurzum: Braun muss Merkel den Rücken freihalten und sie vor unliebsamen Überraschungen im Regierungsalltag schützen. Einfach ist das im schnelllebigen politischen Geschäft Berlins nicht.

Zu seinen Aufgaben gehört es auch, politische Vorhaben der Bundesregierung langfristig zu planen – was nicht zwangsläufig gleichgesetzt werden darf mit Plänen der Koalition. Darüber hinaus ist der BND dem „ChefBK“ unterstellt. Gerade die Arbeit der Nachrichtendienste hat zuletzt immer wieder für viel Ärger gesorgt und das Parlament beschäftigt – Stichwort ausspionieren von Freunden. Dann gilt es, als Krisenreaktionskraft zu fungieren. Und Braun wird wissen: Der nächste Skandal kommt bestimmt.

Kürzlich sagte der verheiratete Hobbygärtner übrigens, die „generalistische Aufgabe“ eines Kanzleramtschefs habe er am interessantesten gefunden, als er mit Merkel über die Regierungsbildung gesprochen habe. Die hat er nun ja auch bekommen.