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| 19:23 Uhr

Die Inflation sehr guter Noten ist vorbei
Viele Daten für neuen Pflege-Tüv liegen vor

 Hoffentlich gut umsorgt: Eine ältere Frau geht mit einem Rollator über einen Flur eines Pflegeheims.
Hoffentlich gut umsorgt: Eine ältere Frau geht mit einem Rollator über einen Flur eines Pflegeheims. FOTO: dpa / Jens Büttner
Berlin. Ob ein Pflegeheim seine Bewohner besser oder schlechter betreut, ist von außen nur schwer zu beurteilen. Nun sollen aussagekräftige Informationen bei der Bewertung helfen. Von Hajo Zenker

Gerade noch die Bestnote 1,0 bekommen – und wenig später wird das Seniorenheim auf Anordnung des Verwaltungsgerichtes nach zwei Todesfällen wegen schwerwiegender Mängel geschlossen. Der Fall aus Bonn von 2015 ist sicher ein extremes Beispiel. Aber er illustriert das Problem beim bisherigen Pflege-Tüv: Die Noten, die Auskunft über die Qualität eines Heims geben sollten, beschönigten die Situation. So wurden etwa schlechte Beurteilungen bei der Pflege durch gute Noten für schöne Eingangsbereiche ausgeglichen. Der Bundesschnitt bei Pflegeheimen lag bei der Note 1,2. 26 Prozent der Heime erhielten sogar eine glatte 1.

Die Inflation sehr guter Noten suggerierte einen Zustand der Pflege, der weit von der Realität entfernt ist. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, nennt die Noten „Volksverdummung“. Peter Pick, Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, drückt das vornehmer aus: Die Pflegenoten hätten „festgestellte Qualitätsmängel nur unzureichend herausgearbeitet“. Damit hat der Pflege-Tüv sein Ziel verfehlt. Er sollte bei der Antwort auf die Frage helfen, welchem Pflegeheim Familien ihre Angehörigen anvertrauen können.

Kritik an den Noten gab es schon lange. Schließlich reagierte auch die Politik. 2015 erging per Gesetz der Auftrag, ein neues Qualitätsprüfungssystem „spätestens ab 2018“ in Gang zu setzen. Das klappte wie so oft bei der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen nicht, weil sich Pflegeheime und Pflegekassen in einem Qualitätsausschuss nicht auf Kriterien einigen konnten und dann noch Gutachten zu spät fertig wurden. Nun soll alles anders werden. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, verspricht, nun werde „geprüft, wie gut die Pflege wirklich ist – etwa beim Erhalt von Mobilität und Selbstständigkeit. Vom Vermeiden von Stürzen bis zur Hilfe im Notfall werden die Ergebnisse künftig für jedermann verständlich dargestellt.“ Allerdings nicht so verständlich, wie man das erwarten könnte.

So werden die von den Heimen selbst erhobenen Daten in eine Fünf-Punkte-Skala einsortiert, den Prüfern der Kassen wiederum stehen vier Kategorien, in Quadraten dargestellt, zur Verfügung. Dazu gibt es noch Text zur Einrichtung selbst, etwa zur Personalausstattung oder zu Freizeitangeboten. Finden soll man all das auf den Internetseiten der Pflegekassen.

Grundlage für diese „Fülle von Informationen über die Versorgungsqualität und über die Ausstattungsmerkmale“, wie es die im Spitzenverband der Kassen zuständige Abteilungsleiterin Monika Kücking formuliert, ist, dass sich die Heime alle halbe Jahre selbst einschätzen und einmal im Jahr der Medizinische Dienst schaut, ob das auch stimmt.

Das Pflegepersonal muss an eine Datenauswertungsstelle Fakten zu 15 Fragen melden. Dabei wird etwa dokumentiert, wie mobil und selbstständig die Bewohner sind, wie häufig sie an Druckgeschwüren leiden oder ob ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust eingetreten ist. Die Stelle prüft, ob das Gemeldete plausibel klingt oder sich etwa Daten widersprechen. Das Ganze wird mit den Daten aller deutschen Heime verglichen. Die Einrichtung erfährt, ob sie besser oder schlechter ist als der Durchschnitt.

Schließlich kommen die Prüfer – im Gegensatz zu früher – mit einer eintägigen Voranmeldung. Bei einem Verdacht auf schlechte Pflege jedoch auch unangekündigt. Insgesamt 24 Punkte werden geprüft. Dazu werden neun Bewohner in Augenschein genommen und befragt. Im Gegensatz zu früher soll es jetzt um Realität gehen – und nicht darum, wie es Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) formuliert, wer „die Haken in der Akte am besten macht“. Jetzt zähle, „wie es den Bewohnern wirklich geht“.

Der Sozialverband VdK hat die große Hoffnung, dass sich so „die Qualität verbessert und nicht mehr nur Fehler zusammengezählt werden“, sagt Abteilungsleiterin Ines Verspohl. Jedoch findet die Pflegebedürftigenvertretung, dass es eine verständliche Aufarbeitung der Daten braucht, etwa durch Filter im Netz. Und ausgerechnet der große Kritiker der bisherigen Pflegenoten, nämlich Eugen Brysch von der Stiftung Patientenschutz, fordert gar eine neue Gesamtnote. Denn „die neue Darstellung nach Kreisen, Punkten und Quadraten bringt keine schnelle Übersicht“. Die Menschen bräuchten zwar einen Pflege-Tüv, der endlich die Praxis abbilde, „er muss aber auch leicht verständlich sein“.