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Verneigung vor dem politischen Riesen

Kanzlerin Merkel nutzte den Staatsakt im EU-Parlament für einen persönlichen Abschied von ihrem politischen Ziehvater: "Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil."
Kanzlerin Merkel nutzte den Staatsakt im EU-Parlament für einen persönlichen Abschied von ihrem politischen Ziehvater: "Dass ich hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil." FOTO: dpa
Straßburg. Das philharmonische Universitätsorchester von Straßburg spielte Georg Friedrich Händels "Saul", als der Sarg von Helmut Kohl um kurz nach elf Uhr mit der blauen Europaflagge bedeckt in den Sitzungssaal des Europaparlaments getragen wurde. Sechs Mitglieder des Eurokorps salutierten dem "politischen Riesen", wie EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani ihn nannte. Christine Longin

Es war die Stunde des Abschieds von einem großen Europäer. Ein einzigartiger Moment, für den die EU zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen europäischen Staatsakt organisierte. "Helmut Kohl hat im Laufe seines Lebens viele Auszeichnungen erhalten, aber die wahre Würdigung wird ihm durch das historische Gedenken heute zuteil", sagte Tajani als erster von acht Rednern.

Den Abschluss bildete Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit einer persönlich geprägten Ansprache: "Dass ich heute hier stehe, daran haben Sie entscheidenden Anteil. Danke für die Chancen, die Sie mir gegeben haben. Danke für die Chancen, die wir als Deutsche und Europäer durch Sie erhalten haben", wandte sie sich ein letztes Mal an ihren politischen Ziehvater. Ihre Rede schloss die Kanzlerin mit den Worten: "Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrem Andenken in Dankbarkeit und Demut." Es folgte ein Händeschütteln mit Kohls zweiter Frau Maike Kohl-Richter, die die Zeremonie hinter einer Sonnenbrille mit schwarzem Hut und Handschuhen in der ersten Reihe verfolgte.

Die Organisatoren hatten jedem Redner fünf Minuten eingeräumt, doch die persönlichen Erinnerungen ließen einige doch länger sprechen. "Beim Abschied von einem Freund ist es schwierig, sich auf fünf Minuten zu beschränken", gab der frühere spanische Regierungschef Felipe González zu. Maike Kohl-Richter hatte ihn auf die Liste gesetzt, weil er als erster europäischer Regierungschef die deutsche Einheit unterstützt hatte. Auch der russische Regierungschef Dmitri Medwedew sprach zu den 800 Gästen. Ein symbolischer Auftritt, um die Rolle der Sowjetunion bei der Wiedervereinigung zu würdigen.

Die emotionalsten Ansprachen hielten der frühere US-Präsident Bill Clinton und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Mit viel Humor erinnerte Clinton an Kohls Vorliebe für gutes Essen. "Hillary sagt, dass ich ihn mochte, weil er die einzige Person war, die das Essen noch mehr liebte als ich." Doch der weißhaarige frühere Staatschef, der am Redepult improvisierte, fand auch ernste Worte: "Helmut Kohl hat uns die Chance geboten, uns an etwas zu beteiligen, das größer war als wir selbst, größer als unsere Karriere." Unter lang anhaltendem Applaus grüßte Clinton mit der Hand am Kopf den Sarg, bevor er sich wieder neben die Bundeskanzlerin setzte.

Auch Juncker sprach mit viel Gefühl von seinem "Freund Helmut". "Mit Helmut Kohl verlässt uns ein Nachkriegsgigant. Er hielt Einzug in die Geschichtsbücher und in den Geschichtsbüchern wird er für immer stehen", würdigte der Kommissionspräsident den Altkanzler sichtlich bewegt. Juncker beschwor auch noch einmal das Bild des 22. September 1984 herauf, als Kohl Hand in Hand mit Francois Mitterrand vor den Gräbern von Verdun stand. Eine Freundschaft, die auch der französische Präsident Emmanuel Macron erwähnte. Als Jüngster der Redner war er der Einzige, der den Blick in die Zukunft richtete. "Wir haben überhaupt keinen Anlass zu Resignation. Wir haben vielmehr Grund zu realistischem Optimismus.

Von Straßburg wurde Kohls Sarg weiter nach Ludwigshafen transportiert, wo die Bürger am Konvoi Abschied nehmen konnten. Anschließend ging es zur Totenmesse in den Dom zu Speyer. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es ein militärisches Ehrenzeremoniell der Bundeswehr. Kohl wurde dann im engen Freundes- und Familienkreis bestattet.