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| 16:49 Uhr

Trumps Stabschef muss gehen
Personalrochaden im Weißen Haus

Muss das Weiße Haus verlassen: Stabschef John Kelly.
Muss das Weiße Haus verlassen: Stabschef John Kelly. FOTO: dpa / Evan Vucci
Washington. US-Präsident Donald Trump setzt seinen Stabschef John Kelly vor die Tür. Ein Nachfolger steht bereit. Von Frank Herrmann

Einst holte ihn Donald Trump als Cheforganisator ins Weiße Haus, um das Chaos zu ordnen. Nun setzt er John Kelly, einem ehemaligen Viersternegeneral der Marineinfanterie, nach nur 18 Monaten im Amt den Stuhl vor die Tür.

„John Kelly wird uns verlassen, wobei ich nicht weiß, ob ich sagen kann, dass er in den Ruhestand tritt“, bestätigte Trump am Samstag vor Reportern, was seit Wochen durch die Gerüchteküche schwirrt. „Er ist ein toller Typ“, lobte er, wie so oft, wenn er jemanden feuert und er sich verstellt. Tatsächlich, so berichten es amerikanische Medien, sollen der Präsident und sein Stabschef zuletzt kaum noch miteinander geredet haben. Eisiges Schweigen habe geherrscht zwischen den beiden. Als Nachfolger Kellys wird Nick Ayers gehandelt, der Stabschef des Vizepräsidenten Mike Pence, ein 36 Jahre alter Netzwerker mit guten Kontakten, für den sich Trumps Tochter Ivanka und deren Mann Jared Kushner stark gemacht haben.

Überraschend kommt das alles nicht, zumal es zu Trumps Stil gehört, Personal in einem Tempo auszutauschen, wie man es von kaum einem seiner Vorgänger kannte. Gut einen Monat nach dem Dämpfer der Kongresswahlen, bei denen die Demokraten das Repräsentantenhaus eroberten, versucht er in die Offensive zu kommen, indem er neue Leute ins Kabinett holt. Anstelle des geschassten Südstaatlers Jeff Sessions soll William Barr, ein Republikaner aus seiner Heimatstadt New York, Justizminister werden und damit auf einen Posten zurückkehren, den er Anfang der Neunziger bereits unter George Bush innehatte. Heather Nauert, ehemals Fernsehmoderatorin des konservativen Senders Fox News, später Sprecherin des Außenministeriums, löst Nikki Haley, die Ex-Gouverneurin South Carolinas, als UN-Botschafterin ab. Schon seit Längerem wird darüber gemunkelt, dass auch die Tage von James Mattis, eines vorsichtig realpolitisch denkenden Ex-Generals, an der Spitze des Pentagon gezählt sind.

Mit Kelly verlässt ein Mann den Orbit Trumps, mit dessen Namen das alte republikanische Establishment die Hoffnung verband, den Populisten irgendwie einhegen, seine nationalistischen Instinkte unter Kontrolle bringen zu können. So spontan der Präsident seine Einfälle via Twitter verbreitete, so diszipliniert sollte Kelly im Bund mit Gleichgesinnten dafür sorgen, dass daraus allenfalls im Ausnahmefall praktische Politik wurde. Begonnen hat er im Januar 2017 als Minister für Heimatschutz, ein halbes Jahr darauf wechselte er ins Weiße Haus, wo er einen Schlussstrich unter ein Sommertheater wahrhaft byzantinischer Ränkespiele ziehen sollte. Kelly war einer jener Generäle, denen Trump, der sich eine Fußkrankheit attestieren ließ, um im Vietnamkrieg der Einberufung zur Armee zu entgehen, Respekt entgegenzubringen schien.

Tatsächlich gelang es ihm zunächst, ein wenig Ordnung in den bis dahin heillos chaotischen Regierungsalltag zu bringen. Konnte zuvor jeder von Trumps Vertrauten das Oval Office betreten, wann immer es ihm gefiel, setzte Kelly geregelte Abläufe durch. Auf sein Drängen wurde der Stratege Steve Bannon in die Wüste geschickt, was Optimisten annehmen ließ, das Kapitel der ärgsten populistischen Exzesse sei nunmehr beendet. Mit der Zeit aber, schildert Bob Woodward in seinem Enthüllungsbuch „Fear“, verstärkte sich auch bei Kelly das Gefühl, auf verlorenem Posten zu stehen. Trump ließ sich auch von ihm nicht davon abbringen, schnelle Tweets in die Welt zu setzen, die dann meistens die Agenda des jeweiligen Tages bestimmten. „Er ist ein Idiot“, sagte er hinter vorgehaltener Hand über seinen Vorgesetzten. „Es hat keinen Sinn, ihn vor irgendwas zu überzeugen. Er ist mental entgleist.“ Im Weißen Haus sei man in Crazytown. Einem Tollhaus.

Ob der 68-Jährige mit der permanent stoischen Miene drei Monate nach dem Erscheinen des Buchs die Quittung präsentiert bekommt, vermag kein Außenstehender seriös zu beurteilen. Zuletzt machte Kelly oft eine traurige Figur, weil er versuchte, mit einem Zickzackkurs über die Runden zu kommen. Mal hieß er gut, dass Migrantenkinder an der mexikanischen Grenze von ihren Eltern getrennt wurden, auch wenn es seinen inneren Überzeugungen widersprochen haben dürfte. Mal dementierte er Woodwards Zitate, obwohl jeder wusste, dass der legendäre Chronist aufs Akribischste recherchierte, bevor er etwas aufschrieb. Zum Verhängnis, berichtet die „Washington Post“, sei Kelly schließlich ein Dauerkonflikt mit „Javanka“ geworden, dem Duo Jared Kushner/Ivanka Trump. Über die beiden hatte er sich einmal beschwert, sie spielten Regierung, obwohl ihnen die nötige Erfahrung fehle. Trump hätte sie nie ins Weiße Haus holen dürfen, denn sie glaubten, sich wegen des Vorteils familiärer Bande nicht an Regeln halten zu müssen.