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| 18:06 Uhr

Trumps Wirtschaftsberater Cohn geht
Machtkämpfe im Weißen Haus

Hat genug: Gary Cohn, Wirtschaftsberater von US-Präsident Trump, geht.
Hat genug: Gary Cohn, Wirtschaftsberater von US-Präsident Trump, geht. FOTO: Manuel Balce Ceneta / dpa
Washington. Der Wirtschaftsberater des US-Präsidenten, Gary Cohn, tritt von seinem Amt zurück. Er lag mit dem US-Präsidenten über Kreuz wegen dessen angedrohter Strafzölle. Von Frank Herrmann

„Ich mag Fluktuation“, scherzte Donald Trump. „Und jetzt wird sich jeder die Frage stellen, wer als Nächstes gehen wird. Melania?“ Es sollte eine humoristische Einlage sein, ein kleines Bonmot bei einem Dinner mit satirischer Note, zu dem sich Politiker und Journalisten alljährlich im März im Gridiron Club zu Washington treffen. Ob die Präsidentengattin den Kalauer lustig fand, ist nicht bekannt. Die personelle Fluktuation im Weißen Haus jedenfalls hat Ausmaße erreicht, die alles in den Schatten stellt, was sich unter Bill Clinton, George W. Bush oder Barack Obama dort abspielte.

Mit Gary Cohn verabschiedet sich nunmehr ein Mann, in dem die Weltoffenen unter den Republikanern so etwas wie einen Garanten für Schadensbegrenzung sahen. Der ehemalige Investmentbanker aus New York, einst die Nummer zwei bei Goldman Sachs, sollte neben anderen verhindern, dass aus populistischen Sprüchen praktische Politik wird. Mit Cohn als ranghöchstem Wirtschaftsberater der Regierungszentrale, glaubten die Konservativen alter Schule, würden sich Trumps protektionistische Instinkte schon irgendwie kontrollieren lassen.

Doch als der Präsident scheinbar spontan Strafzölle für Stahl- und Aluminiumimporte ankündigte, war klar, dass Cohn beim bislang heftigsten Machtkampf in den Reihen des Kabinetts auf der Verliererseite stand. Gewonnen haben die Nationalisten, angeführt von Handelsminister Wilbur Ross und Peter Navarro, einem Ökonomen, der seit Langem für Abschottung plädiert. Statt sich von den Hardlinern künftig die Richtung diktieren zu lassen, landete der „Globalist“, wie manche ihn nennen, einen persönlichen Befreiungsschlag.

Es ist das neueste Kapitel einer Serie, die Woche für Woche mit neuen Paukenschlägen aufwartet. So schnell, dass sich selbst nüchterne Beobachter fragen, ob die Querelen geordnetes Arbeiten überhaupt noch zulassen. Erst musste im Februar Trumps Personalsekretär Rob Porter seinen Hut nehmen, weil er seine beiden Ex-Frauen geschlagen haben soll. Dann verabschiedete sich die Kommunikationsdirektorin Hope Hicks, nachdem sie im Parlament eingeräumt hatte, zur Verteidigung Trumps zu Notlügen gegriffen zu haben.

Herbert Raymond McMaster, der Nationale Sicherheitsberater, spielt angeblich mit dem Gedanken, an eine Universität zu wechseln. Der Ex-General John Kelly, nach einem halben Jahr aus dem Heimatschutzressort geholt, um in der Rolle des Stabschefs das Chaos in der Regierungszentrale zu ordnen, ließ neulich vor applaudierendem Publikum Ansätze von Amtsmüdigkeit erkennen. In den sechs Monaten auf seinem Ministerposten sei er glücklich gewesen, witzelte er, „aber dann habe ich etwas falsch gemacht, und Gott hat mich dafür bestraft“.

Mit Cohns Abgang dröhnt der bislang lauteste Paukenschlag. Es ist nicht so, dass der 57-Jährige stets und ständig über Kreuz lag mit Trump, vielmehr klang er bisweilen wie dessen Echo. Die Welt, schrieb er vor Monaten in einem gemeinsam mit McMaster verfassten Essay, sei keine globale Gemeinschaft, sondern eine „Arena, in der Nationen, nichtstaatliche Akteure und Unternehmen um Vorteile ringen“. Aber dass er sich rieb an einem Vorgesetzten, der keine Hemmschwelle zu kennen scheint, ist schon lange kein Geheimnis mehr.

Bereits im August, nach heftigen Ausschreitungen in Charlottesville, meldete er öffentlich Widerspruch an. In der Universitätsstadt in Virginia hatten sich Neonazis mit Gegendemonstranten geprügelt, nachdem sie mit brennenden Fackeln, antisemitische Parolen skandierend, über den Campus gezogen waren. „Die Juden werden uns nicht verdrängen!“, grölten sie.

Statt sich glasklar vom braunen Mob zu distanzieren, stellte Donald Trump beide Seiten auf eine moralische Stufe. Der Präsident hätte deutlichere Worte finden müssen, sagte Cohn der „Financial Times“. Als Amerikaner jüdischen Glaubens, schob er hinterher, werde er den Neonazis nicht den Triumph gönnen, „diesen Juden hier zum Verzicht auf sein Amt zu bringen“.

Trump, der auf Kritik eher dünnhäutig reagiert, nahm es seinem Wirtschaftsberater übel. Zählte Cohn vor Charlottesville zum Favoritenkreis für die Nachfolge Janet Yellens an der Spitze der amerikanischen Notenbank, so hatte er nach seiner Auflehnung keine Chance mehr.