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Trumps erste UNO-Rede

Washington. In seiner Premierenrede vor der Vollversammlung der UNO hat Donald Trump Nordkorea mit der totalen Zerstörung gedroht, während er durchblicken ließ, dass er das maßgeblich von seinem Vorgänger Barack Obama ausgehandelte Atomabkommen mit Iran wohl aufkündigen wird. Der Rest war eine rigorose Untermauerung seiner nationalistischen Agenda. Frank Herrmann

Als er fertig ist, dürfte so etwas wie ein Aufatmen durch die Reihen seiner Berater gegangen sein. Wenigstens hat er sich ans Manuskript gehalten, unbeirrt vom Teleprompter abgelesen, statt plötzlichen Einfällen zu folgen und aus dem Stegreif zu fabulieren, wie es sonst oft seine Art ist. Misst man es an Äußerlichkeiten, steht der disziplinierte Donald Trump am Rednerpult der Vereinten Nationen, nicht der spontan vom Leder ziehende Rabauke, als den man ihn von Wahlkundgebungen kennt. Der Substanz nach aber ist der Hardliner zu erleben, der Verfechter des "America First", der seinen ersten Auftritt vor dem Forum kollektiver Diplomatie nutzt, um den Grundsatz nationaler Souveränität zu betonen.

Weder erwarte Amerika, dass verschiedenartige Länder dieselbe Kultur und dieselben Traditionen teilten, noch gelte dies in Bezug auf das Regierungssystem, sagt Trump. Allerdings erwarte es, dass sich alle Staaten an zwei Kernprinzipien halten, nämlich die Belange ihrer eigenen Völker zu vertreten und die Rechte souveräner Nationen zu respektieren. Als Präsident der Vereinigten Staaten, so Trump, werde er amerikanische Interessen immer obenan stellen, so wie andere die Interessen ihrer Länder stets an die erste Stelle setzen sollten. "Wir lassen uns nicht länger ausnutzen, wir werden uns auf keinen einseitigen Deal mehr einlassen", bei dem man nichts als Gegenleistung bekomme. Andere manipulierten das System, fügt er später hinzu, andere hätten die Spielregeln verletzt. Weshalb die eigenen Mittelschichten, einst der Fels amerikanischen Wohlstands, vergessen und abgehängt worden sei. Die wichtigste Aufgabe einer Regierung, betont Trump, bestehe darin, ihre eigenen Bürger zu schützen.

Der Präsident, hatte dessen UN-Botschafterin Nikki Haley das Publikum eingestimmt, werde die richtigen Leute ohrfeigen und die richtigen Leute umarmen. Von Umarmungen ist dann so gut wie nichts zu spüren. Lediglich China und Russland werden am Rande lobend erwähnt, weil sie für Sanktionen gegen Nordkorea stimmten, ebenso die Türkei, Jordanien und dem Libanon für die Aufnahme syrischer Bürgerkriegsflüchtlinge. Beim Dauerbrenner UN-Budget lässt Trump, trotz aller Ihr-übervorteilt-uns-Rhetorik, eine gewisse Flexibilität erkennen. Die USA seien nur eines von 193 Mitgliedern der UNO, zahlten aber 22 Prozent ihres Etats "und noch mehr", wiederholt er seine Klage über ungerechte Lastenverteilung, um im nächsten Satz den Reformer zu geben, der durchaus mit sich reden lässt. Sollte die Staatenorganisation ihre Ziele tatsächlich erreichen, allem voran das Ziel, den Frieden zu wahren, könnte sich die amerikanische Investition vielleicht lohnen. Die vorab in den Medien gestreute Hoffnung, Trump könnte einen Rückzug vom Rückzug aus dem Pariser Klimaschutzabkommen in Aussicht stellen, bleibt eine Schimäre. Zum Thema Klimawandel verliert er in seiner Rede kein Wort. An Ohrfeigen dagegen mangelt es nicht: Statt verbal abzurüsten, treibt er die rhetorische Eskalation im Atomstreit mit Nordkorea auf die Spitze.

Keine Nation habe ein Interesse daran, einfach zuzuschauen, wie sich eine "Bande von Kriminellen" mit Kernwaffen und Raketen aufrüste, sagt Trump über das Regime in Pjöngjang. Falls die USA sich selbst und ihre Alliierten verteidigen müssten, "werden wir keine andere Wahl haben, als Nordkorea vollständig zu zerstören". Der Raketenmann, wie er den Diktator Kim Jong Un nennt, befinde sich auf einer Selbstmordmission. Amerika sei bereit, willens und fähig, doch hoffentlich werde sich eine Militäraktion erübrigen. Darauf hinzuarbeiten sei Sache der UNO, dafür gebe es die UNO. "Mal sehen, wie sie sich dabei anstellt", schiebt er fast spöttisch hinterher. Nordkorea, unterstreicht Trump, müsse begreifen, dass seine Zukunft allein im Verzicht auf Atomwaffen liege.

Dem Iran wirft er vor, den Nahen Osten zu stabilisieren und zugleich an Raketen zu bauen. Wenn das 2015 unterzeichnete Atomabkommen nur dazu diene, die Fortsetzung des iranischen Nuklearprogramms zu tarnen, werde Washington nicht daran festhalten, sagt der Mann, dessen Regierung bis zum 15. Oktober zu beurteilen hat, ob Teheran die Vertragsbestimmungen einhält. Ohnehin sei der Iran-Deal einer der schlechtesten, den die USA jemals geschlossen hätten, "eine Peinlichkeit für die Vereinigten Staaten", wiederholt der frühere Immobilienmogul eine Standardzeile seines Wahlkampfs. "Ich glaube nicht, dass Sie dazu schon das letzte Wort gehört haben."