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| 18:55 Uhr

Politik
Trump setzt wieder auf Manöver mit Seoul

Noch im Juni dieses Jahres übten südkoreanische und US-amerikanische Soldaten gemeinsam beim Manöver „Ulchi-Freedom Guardian“ im Nordwesten des Landes.
Noch im Juni dieses Jahres übten südkoreanische und US-amerikanische Soldaten gemeinsam beim Manöver „Ulchi-Freedom Guardian“ im Nordwesten des Landes. FOTO: picture alliance/dpa
Washington. Droht eine Verhärtung der Fronten? Der US-Präsident ändert die aus seiner Sicht erfolgreiche Nordkorea-Strategie. Von Frank Herrmann

James Mattis hat, wenn man so will, eine kurze Tauwetterphase für beendet erklärt. Zumindest für unterbrochen. In trockenster Prosa, wie es seine Art ist, verkündete der amerikanische Verteidigungsminister, dass die US-Streitkräfte ihre im Juni suspendierten Militärmanöver mit Südkorea wieder aufnehmen könnten. Die Pause sei Ausdruck guten Willens gegenüber Nordkorea gewesen, man habe allerdings nicht die Absicht, weitere Übungen auszusetzen. Um welche Größenordnung es sich dabei handelt, zeigt ein Blick in die jüngste Vergangenheit: An den Manövern „Foal Eagle“ und „Key Resolve“, abgehalten im April, nahmen in diesem Jahr neben rund 300 000 südkoreanischen circa 23 000 amerikanische Soldaten teil.

Damit ist vorerst eine Geste vom Tisch, mit der Trump seinen vermeintlichen Coup von Singapur feiern wollte. Dort lobte er den Diktator Kim Jong Un in Tönen, die an den begeisterten Moderator einer Talente-Show denken ließen. Im Überschwang der Gipfelpremiere sprach er zur Überraschung seiner Generäle von „sehr provokanten“ Kriegsspielen, deren Stopp er nunmehr verfüge. Der Schritt sollte atmosphärisch begleiten, was Trump für einen historischen Durchbruch hielt, mit ihm selbst in der Rolle des nobelpreiswürdigen Friedensstifters. Die von Nordkorea ausgehende nukleare Gefahr sei gebannt, jubelte er. Der Rest, gab er zu verstehen, sei bloß noch eine Frage des Kleingedruckten.

Der Euphorie folgt der Kater, denn mittlerweile müssen auch Trumps Außenpolitiker eingestehen, was damals jeder halbwegs skeptische Beobachter sah: Kim hat sich konkret zu gar nichts verpflichtet. Er erneuerte vage Absichten, ohne sie durch einen Abrüstungszeitplan zu untermauern. Belohnt wurde der junge Machthaber mit Vertrauensvorschüssen, die zumindest verfrüht waren angesichts der Versprechen, die die Kim-Dynastie im Laufe ebenso langwieriger wie erfolgloser Atomverhandlungen bereits gebrochen hat.

Zwar begann Pjöngjang mit Washington zu kooperieren, um die sterblichen Überreste gefallener US-Soldaten des Koreakrieges zu überführen, was Trump die Möglichkeit gab, von Fortschritten zu reden. In der zentralen Frage aber bewegte sich nichts. Keinen einzigen seiner Atomsprengköpfe, nach Schätzungen amerikanischer Experten sind es circa 60, hat Nordkorea bisher verschrottet. Dass sich daran vorläufig nichts ändern wird, hat Kim Yong Chol, die Nummer zwei des Regimes, einst Chef des Militärgeheimdiensts, vor wenigen Tagen in einer Botschaft an Trumps Außenminister Mike Pompeo deutlich gemacht.

Das Schreiben, berichtet die „Washington Post“, habe einen derart konfrontativen Kurs erkennen lassen, dass Trump und Pompeo beschlossen, eine unmittelbar bevorstehende Reise des Chefdiplomaten nach Pjöngjang abzublasen. Während der Präsident die Schuld in Peking sieht, in einer härteren Haltung Chinas angesichts des Handelspokers mit Washington, spricht seine UN-Botschafterin von einem möglichen Sinneswandel der Nordkoreaner. „Haben sie sich das mit der Denuklearisierung anders überlegt? Es kann sein“, sagt Nikki Haley.

Ist der Dialog damit entgleist? Oder durchläuft er nur eine Durststrecke, wie sie fast zwangsläufig zu Verhandlungsprozessen gehört? Im Moment gibt es niemanden, der auch nur versuchen würde, definitive Antworten zu geben. Klar ist nur: In den Mühen der Ebene, abseits der Gipfelstürme, hat die Stunde der Wahrheit geschlagen. Trump ist auf dem harten Boden der Realität gelandet, was immer er in Singapur an Wunschbildern malte. Dass die Prioritäten beider Seiten grundverschiedene sind, lässt sich nicht übersehen.

Kim drängt auf einen Friedensvertrag. Bevor er sich auf einen Abrüstungsfahrplan einlässt, verlangt er wasserdichte Garantien, nach denen ein solches Abkommen den 1953 am Ende des Koreakrieges geschlossenen Waffenstillstand ersetzt. In seinen Augen, vermuten Asien-Experten in Washington, ist es nichts anderes als die Garantie, dass es die USA – anders als einst in Irak oder Libyen – nicht auf einen Regimewechsel abgesehen haben. Die Amerikaner sehen es andersherum, womit sich die Katze in den Schwanz beißt. Ein Friedensvertrag müsste vom Senat mit Zweidrittelmehrheit bestätigt werden, was kaum zu erwarten ist, solange es abrüstungstechnisch nicht vorangeht. Jedenfalls wird es wohl nichts mit dem Geniestreich, den Trump vor knapp drei Monaten beschwor.

Die Verteidigung einer Insel vor der Ostküste des südkoreanischen Festlandes üben Soldaten bei einem Manöver auf der Insel Ulleung.
Die Verteidigung einer Insel vor der Ostküste des südkoreanischen Festlandes üben Soldaten bei einem Manöver auf der Insel Ulleung. FOTO: picture alliance / YNA/dpa