Von Liesa Hellman

Es war nur eine Frage der Zeit. Das sagen alle, die man nach dem West-Nil-Virus in Deutschland fragt: Ärztinnen, Virologen, Biologinnen, Gesundheitspolitiker. „Das ist ein Virus, auf das wir schon länger gewartet haben. Es hat uns gewundert, dass es nicht eher angekommen ist“, sagt etwa Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut. Das Institut untersucht Pferde und Vögel auf das Virus, gut 80 Fälle hat es 2019 bestätigt. Viele davon stammen aus Brandenburg und Berlin. Am Montag meldete der Landkreis Spree-Neiße vier neue Fälle bei Tieren.

„Das Virus gibt es schon seit Jahrzehnten in Europa“, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenkrankheiten (BNITM). Das unterscheidet es von anderen Tropenkrankheiten wie Dengue-Fieber oder Zika, die meist von Reisen mitgebracht werden. 181 Menschen sind an West-Nil-Fieber im vergangenen Jahr in Europa gestorben. „Das Virus hat sich nun auch in Deutschland etabliert und wird nicht wieder verschwinden“, ist sich Schmidt-Chanasit sicher.

West-Nil-Fieber: Drei Menschen in Deutschland schwer erkrankt

Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, sieht Nachholbedarf in Deutschland: „Lange haben uns die Erkrankungen, die weit weg schienen, nicht interessiert.“ Sie fordert mehr Aufklärung für die Bevölkerung – aber auch für die Ärzteschaft. „Wir müssen die Menschen mehr dafür sensibilisieren, dass es ein Tropenvirus in Deutschland gibt.“

Drei schwere Fälle des West-Nil-Fiebers hat es in diesem Jahr in Deutschland bisher gegeben. Die Dunkelziffer ist jedoch viel höher. „Nur etwa ein Prozent der Infektionen verlaufen schwer“, erläutert Jonas Schmidt-Chanasit. Deshalb muss es hunderte weitere Fälle gegeben haben, die jedoch nicht erkannt wurden: „Die meisten Infektionen verlaufen asymptomatisch oder leicht, die Infizierten sind deshalb nicht zum Arzt gegangen.“ Hinzu kommt auch, dass sich das West-Nil-Fieber unspezifisch äußert: Fieber und leichter Hautausschlag bei leichten Verläufen, Entzündungen des Gehirns und der Hirnhäute bei den seltenen schweren Krankheitsfällen. Diese Symptome treten auch bei anderen Erkrankungen auf, gut möglich also, so Schmidt-Chanasit, dass selbst schwere Fälle nicht als West-Nil-Fieber erkannt wurden.

Die heimische Hausmücke überträgt das Virus

Verhindern hätte man die Etablierung des Virus in Deutschland nicht können. Es wird von der Hausmücke übertragen, in ihren Eiern überwintert das Virus, erklärt Christina Frank vom Robert Koch Institut. Menschen und Pferde sind sogenannte „Fehlwirte“: Sie können sich zwar mit dem Virus infizieren, ihn aber nicht weitergeben. Der Erreger vermehrt sich stattdessen in Wildvögeln. Sticht eine Mücke einen infizierten Vogel, wird sie wiederum zur Überträgerin. Verendete Wildvögel sind deshalb ein Frühwarnsystem für West-Nil-Fieber.

„Wir müssen Überwachungsmaßnahmen konsequent anwenden und fortsetzen, aber nicht mit Blick auf das kommende Jahr in Panik geraten“, sagt Rudolf Henke, Gesundheitspolitiker der CDU-Fraktion im Bundestag. Wo Fälle von West-Nil-Fieber aufträten, sei es sinnvoll, sich gegen Mückenstiche zu schützen und Mückenbrutplätze in der Umgebung möglichst zu beseitigen.

Das West-Nil-Virus ist – noch – ein Ostproblem: Fast alle infizierten Pferde und Vögel stammen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin.

Immer mehr Fälle in Brandenburg

In Berlin und Brandenburg wurden bisher 32 Fälle von infizierten Vögeln oder Pferden nachgewiesen. Die Zahl der betroffenen Tiere ist aber größer, erläutert Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut, das die Verdachtsfälle amtlich bestätigt hat: Ein Fall könne beispielsweise für einen Reitstall stehen, in dem mehrere Pferde betroffen sind. Zudem wurde das Virus bei Vögeln in mehreren Zoos nachgewiesen. Hinter einem Fall verbergen sich deshalb manchmal mehrere Vögel verschiedener Arten. Dass beide Berliner Zoos betroffen sind, wundert Elke Reinking nicht: „Dort fällt es eher auf als in der freien Natur“, denn die Tiere werden tiermedizinisch beobachtet.

Die infizierten Pferde stammen aus den Kreisen Elbe-Elster, Oberspreewald-Lausitz und Spree-Neiße. In Brandenburg sind die Bedingungen für das Virus sehr gut: Warme, lange Sommer und ein milder Winter sind optimal für die Hausmücke, die das Virus übertragen kann. Professionell bekämpft werden Mücken in Brandenburg bisher nicht.

Bisher keine Impfung für Menschen

Eine Impfung könnte vor dem West-Nil-Fieber schützen, muss jedoch erst entwickelt werden. „Es braucht mehr Anreize und Vergütungsstrukturen für Pharmaunternehmen, in diesem Bereich zu forschen“, sagt Kordula Schulz-Asche von der Bundestagsfraktion der Grünen. Denkbar wären etwa globale Forschungsfonds, in die Staaten, Stiftungen und Pharmaunternehmen einzahlen. „Die Fonds sollen das Risiko für die Industrie minimieren und es ermöglichen, Impfstoffe zu einem Preis zu entwickeln, den man sich weltweit leisten kann.“

Konkrete medizinische Lösungen fordert ebenfalls Andrew Ullmann, Gesundheitspolitiker der FDP-Bundestagsfraktion. Die Einführung eines Facharztes für Infektiologie könne zu mehr „infektiologischer Kompetenz bei den Ärzten“ führen. Außerdem brauche es mehr Patientensicherheit bei Organ- und Blutspenden. Ullmann fordert, den Test auf das West-Nil-Virus in die Standarduntersuchungen von Blutkonserven und Organen aufzunehmen. Bisher werden Spender, die sich in West-Nil-Virus-Risikoregionen aufgehalten haben, in der Regel von der Spende zurückgestellt. Manche Blutspendedienste verzichten auf die Zurückstellung und testen stattdessen das gespendete Blut auf das Virus.

Spender aus Brandenburg werden noch nicht vorsorglich von der Blutspende ausgeschlossen. Ob zukünftig auch Teile Deutschlands als West-Nil-Risikoregionen für die Blutspende gelten, berät derzeit das Paul-Ehrlich-Institut.

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