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| 17:38 Uhr

Berlin
Grüner Knopf für faire Kleidung

Berlin. Die Bundesregierung hat das neue staatliche Textilsiegel auf den Weg gebracht.

Groß war das Entsetzen, als vor sechs Jahren in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza einstürzte. Mehr als 1000 Menschen starben, 2000 wurden verletzt. Unbegreiflich: Schon vor dem Tag der Katastrophe waren Risse in dem Gebäude entdeckt worden, doch die Unternehmensleitung ignorierte dies und zwang die Belegschaft, ihre Arbeit fortzusetzen. Das Unglück traf aber nicht nur die Mitarbeiter und ihre Familien. Da internationale Unternehmen wie Primark, C&A und KiK in dem Werk ihre Billigware produzieren ließen, stand plötzlich eine ganze Branche am Pranger. Ihre Profitgier trage eine Mitschuld an den oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in ärmeren Ländern, lautete die Kritik. Um ihr Image aufzupolieren, setzen deutsche Firmen nun auf ein neues Nachhaltigkeits-Siegel: den Grünen Knopf.

Das von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) intensiv vorangetriebene Projekt soll Verbrauchern helfen, künftig nach moralischen Kriterien über den Kauf eines Kleidungsstücks entscheiden zu können. Hängt also das Etikett Grüner Knopf an einem Hemd oder an einer Hose, soll das signalisieren: Bei der Produktion wurden ökologische und soziale Standards eingehalten. „Wir brauchen ein Siegel, das den Kunden einfach und klar sagt: Hier handelt es sich um fair produzierte Kleidung“, begründete Müller seinen Vorstoß. Doch das Projekt gestaltet sich offenbar schwieriger als gedacht. Sein Start wurde mehrfach verschoben, zuletzt vom 1. Juli auf September, wie ein Ministeriumssprecher nun mitteilte.

„Einfach und klar“, wie es der Minister versprach, ist beim Grünen Knopf nämlich gar nichts. So unterscheiden Experten beim Herstellungs- und Vermarktungsprozess eines Kleidungsstücks Dutzende verschiedene Schritte. Doch das neue Siegel berücksichtigt davon zunächst nur zwei: das Schneidern/Nähen und das Färben. Erst nach Abschluss der Pilotphase im Jahr 2021 könnte sich das ändern. Zudem ist ungewiss, wer sich an dem Projekt beteiligen will. Zwar kursieren eine Reihe von Namen – darunter Lidl, Tchibo, Rewe und KiK –, doch nur Tchibo hat bisher offiziell erklärt, mitmachen zu wollen.

Verbraucher haben klare Erwartungen an ein staatliches Textilsiegel. Das geht aus einer Umfrage des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) hervor. Eine große Mehrheit der Befragten (87 Prozent) hält es für wichtig, klar erkennen zu können, wofür ein staatliches Textilsiegel steht. 74 Prozent der Befragten erwarten, dass die gesamte Wertschöpfungskette vom Baumwollfeld bis zum Bügel abgedeckt ist.

Im Ministerium glaubt man, mit dem Grünen Knopf auf dem richtigen Weg zu sein. „Rechte und Entlohnung von Mitarbeitern“ würden überprüft, außerdem die „Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz, Emissionen, Chemikalieneinsatz und Umweltauswirkungen“, betont ein Sprecher. Ausschlusskriterien seien außerdem Kinder- oder Zwangsarbeit. Noch eine weitere Eigenheit des in der Startphase 8,5 Millionen Euro teuren Projekts lobt der Sprecher: „Wir haben das erste staatliche Siegel, das soziale und ökologische Kriterien mit hohen Ansprüchen an die jeweiligen Unternehmen verbindet.“

Doch nicht alle stimmen in das Lob ein. Die Kritik kommt aus zwei Richtungen. Menschenrechtlern missfällt vor allem, dass die Teilnahme freiwillig ist. „Eine gesetzliche Regelung wäre besser. Sie sollte sicherstellen, dass Unternehmen dafür haftbar gemacht werden können, wenn es in ihrer Lieferkette zu Menschenrechtsverletzungen oder schweren Unfällen kommt“, sagt Berndt Hinzmann vom Netzwerk Inkota.

In der Textilwirtschaft sieht man im Grünen Punkt dagegen in erster Linie eine unerwünschte Konkurrenz zu eigenen Nachhaltigkeits-Labels. Es werde eine Doppelstruktur geschaffen, heißt es beim Gesamtverband Textil und Mode. Problematisch sei auch die geforderte Transparenz der Lieferketten. Sie beinhalte „die Offenlegung von Geschäftsbeziehungen, die zahlreiche Unternehmen aus wirtschaftlichen Überlegungen bewusst nicht praktizieren“. Darüber hinaus sei problematisch, dass in einem weiteren Schritt die Kriterien des Grünen Knopfes offenbar auch „auf die Baumwolle und das Spinnen der Fasern ausgedehnt“ werden sollen. Für manche in der Branche ist das offenbar eine unangenehme Vorstellung.

Bei Verbraucherschützern kommt der Grüne Knopf besser weg. Er könne ein sinnvolles Mittel sein, um Kunden beim Einkauf bessere Orientierung im Siegel-Dschungel zu geben, sagt Kathrin Krause vzbv. „Bewerten lässt sich das Siegel erst nach Abschluss der Pilotphase 2021“, betont sie.

Doch auch wenn der Grüne Knopf ein guter erster Schritt sei, so dringt auch Krause auf eine allgemeine gesetzliche Regelung, die Unternehmen dazu verpflichtet, ihre Produkte „sauberer“ im Sinne von nachhaltiger herzustellen.

Für die Zukunft wünscht sich Krause, dass ein staatliches Nachhaltigkeitssiegel die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt. Dazu zählt sie unter anderem den Baumwollanbau, das Pflücken der Rohware und die Arbeit in den Spinnereien. Gerade Frauen würden oft besonders schlecht behandelt, sagt sie. Ob der Grüne Knopf daran etwas ändert, werde sich erst noch zeigen.