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Weißer Ring fordert:
Terroropfer brauchen schnell eine zentrale Anlaufstelle

Wer hilft den Opfern von Terroanschlägen?
Wer hilft den Opfern von Terroanschlägen? FOTO: Philipp Schulze / dpa
Mainz/Berlin. Das erste Chaos nach dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz hat die Hilfsorganisation Weißer Ring überrascht. Auf so eine Situation hätte man vorbereitet sein müssen, sagt Geschäftsführerin Biwer. Sie fordert klare Kriseninterventionspläne.

Nach einem Terroranschlag in Deutschland brauchen Opfer und Angehörige nach Ansicht der Hilfsorganisation Weißer Ring innerhalb kürzester Zeit eine zentrale Anlaufstelle. Eine rund zwei Wochen dauernde Chaos-Phase wie nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt vor knapp einem Jahr dürfe sich im Falle eines erneuten Terror-Aktes nicht wiederholen, sagte die Bundesgeschäftsführerin der Opferhilfsorganisation, Bianca Biwer, der Deutschen Presse-Agentur. „Was wirklich eklatant war bei diesem Anschlag: Die außerordentlich unkoordinierte, chaotische, völlig unklare Phase, in der eigentlich keiner wusste, was passiert.“

In Berlin hätten sich die Behörden damals in den ersten Stunden und Tagen nach dem Anschlag nicht untereinander vernetzt, niemand habe den Hut aufgehabt. Eine Angehörige sei zum Beispiel mehrmals von einem Krankenhaus zum nächsten verwiesen worden; bis sie ihre Mutter fand, war diese gestorben. Ein anderes Mal hätten Polizisten einem Menschen das Beileid ausgesprochen, obwohl dessen Angehöriger noch gelebt habe. Identifizierungen hätten sehr lange gedauert. Totenscheine seien erst nach Wochen ausgestellt worden. Verletzte seien mehrfach von Polizisten vernommen worden.

„Für die Opfer ist das schlichtweg dramatisch. Sie erleben eh schon eine Katastrophe und bekommen dann nicht einmal verlässliche Informationen. Das macht die Situation noch schwerer erträglich“, sagte Biwer vom in Mainz ansässigen Weißen Ring. Wichtig seien deshalb im Vorfeld festgelegte Kriseninterventionspläne. Diese müssten auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene entwickelt werden. In Nordrhein-Westfalen etwa habe nach dem Absturz der Germanwings-Maschine ein gut ausgearbeiteter Plan gegriffen.

In der Kommunikation könne - wenn Fakten fehlten - transparent vermittelt werden, was gerade getan werde. „Gar keine Auskunft zu erhalten ist für die Angehörigen besonders schwer.“ Für die Bewältigung der Situation sei es für die Betroffenen extrem wichtig, den Ablauf und den Sachverhalt zu kennen. „Wird das nicht erklärt, stellen sich die Menschen viel vor. Quälende Fragen entstehen: Hat mein Kind gelitten? War mein Kind noch länger am Leben?“

Biwer forderte zudem einen Rechtsanspruch auf Schmerzensgeld. Eigentlich wollten die Terroristen nämlich den Staat treffen. Da dieser sich schütze, wichen die Terroristen auf andere symbolträchtige Ziele wie etwa Veranstaltungen aus. Das wirke sich auf die Opfer psychologisch aus, da sie wüssten, dass sie anstelle des Staates getroffen worden seien. „Und daraus leiten wir eine besondere Fürsorgepflicht des Staates ab.“

Zahlungen aus einem Hilfsfonds lehnt der Weiße Ring ab. Dabei liege es nämlich im Ermessensspielraum des Betreibers, wer wie viel Geld erhalte. Biwer setzt sich stattdessen für einen „juristisch validen Anspruch“ ein. Schmerzensgeld sei als Anerkennung des erlittenen Leids wichtig für die Psyche der Opfer.

Der Weiße Ring hat nach der Attacke am Breitscheidplatz fast 80 Verletzte, Angehörige und traumatisierte Augenzeugen betreut, auch aus dem Ausland. 150 000 Euro zahlte der Verein zum Beispiel für Dienstausfälle, Fahrtkosten und Erholungen. Zum Teil benötigten die Menschen noch heute Hilfe, sagt Biwer. „Wir betreuen so lange, wie die Opfer es brauchen.“

(dpa/bob)