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| 10:08 Uhr

Seoul
Südkoreas Streit um Frieden

Seoul. Bei dem Gipfeltreffen der beiden Korea-Staatschefs heute könnte Historisches beschlossen werden. Das befürworten aber nicht alle. Felix Lill

Bei dem Gipfeltreffen der beiden Korea-Staatschefs heute könnte Historisches beschlossen werden. Das befürworten aber nicht alle.

Mittlerweile überschlagen sich die Ereignisse. Nordkorea werde seine Raketentests sofort einstellen, hatte die staatliche Nachrichtenagentur vergangene Woche gemeldet. Ein paar Tage später verkündete Südkorea, die Lautsprecher in Grenznähe abzustellen, durch die der Norden mit Popmusik und Nachrichten aus dem Süden beschallt wird. Angesichts dieser Annäherungen fragt man sich: Was kommt als nächstes? Und für welchen Durchbruch wird erst das Gipfeltreffen sorgen, wenn schon im Vorfeld so viel passiert, was in den Jahren zuvor noch utopisch schien?

Wenn die Regierungschefs aus Nord- und Südkorea heute im südkoreanischen Ort Panmunjom nahe Seoul zusammenkommen, ist es nach 2000 und 2007 erst das dritte Gipfeltreffen zwischen den beiden überhaupt. Seit Ende des Koreakriegs 1953 wird es gar das erste Mal sein, dass ein nordkoreanischer Staatschef südkoreanischen Boden betritt. Und das alles passiert, kein halbes Jahr nachdem die USA mit Nordkorea Kriegsdrohungen austauschten, der Norden Raketen durch die Luft jagte und die Vereinten Nationen schwere Sanktionen gegen Pjöngjang beschlossen. Nun soll sogar über den Abschluss eines Friedensvertrags zwischen Nord und Süd gesprochen werden.

Auf der koreanischen Halbinsel bahnt sich dieser Tage Historisches an. Falls sich die beiden Länder, deren Einwohner über die meiste Zeit der Geschichte eine gemeinsame Regierung hatten, mit bindender Wirkung einander annähern, hätte dies auch globale Auswirkungen. Garantierter Frieden in Korea hieße, dass zwischen den USA und China, die von 1950 bis 1953 beide am Koreakrieg mitgewirkt haben, ein Problem weniger stünde. Ebenso könnte sich Japan, das auf der Seite der USA steht und im Koreakrieg als Stützpunkt für den Süden diente, mit dem zerstrittenen China weiter verständigen. Vor allem aber könnten die Koreas davon profitieren - in Form erhöhter ökonomischer und politischer Stabilität.

Aber wer denkt, dass sich deshalb alle auf den anstehenden Gipfel freuen, hat sich getäuscht. Gerade in Südkorea spaltet dieses Thema das Land. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Realmeter im Februar heißen es nur sechs von zehn Südkoreanern gut, dass die Gipfelgespräche überhaupt stattfinden. Laut Demoskopieinstitut Gallup Korea, vermuten zwei Drittel der Südkoreaner, der Norden werde von seinem weltweit umstrittenen Nuklearprogramm - ein wichtiger Grund für die schlechten Beziehungen zwischen den beiden Ländern - ohnehin nicht abweichen. Eine weitere Umfrage im März zeigte, dass drei Viertel der unter 30-jährigen Südkoreaner möglichen Zusagen des Regimes im Norden nicht trauen. Seit Jahren treibt die Frage, wie sich Südkorea gegenüber dem Norden positionieren sollte, die Menschen auf die Straße. Und manchmal zur Weißglut. Auch dieser Tage sind in Seoul protestierende Menschenansammlungen zu sehen, die entweder für einen Dialog mit dem Norden Stimmung machen - oder dagegen.

"Kein anderes Thema polarisiert so sehr wie diese nationale Frage", sagt Eun-jeung Lee, Professorin für Koreanistik an der Freien Universität Berlin. Seit der Demokratisierung nach Militärdiktatur in Südkorea ab 1987 ist der große Unterschied der zwei großen Parteien nicht etwa die soziale Frage nach Umverteilung und Teilhabe. Vielmehr geht es immer wieder um Nordkorea: Während die Konservativen, die maßgeblich aus ehemaligen Unterstützern des Militärregimes bestehen, jeden Dialog mit dem Norden ablehnen, suchen die Liberalen Annäherung durch Austausch. Die Fronten sind derart verhärtet, dass Liberale die Konservativen im Streit schnell als Apologeten der alten Diktatur verunglimpfen, während Personen wie der liberale Präsident Moon Jae Iin in den Augen Konservativer verkappte Kommunisten sind.

Moon, der seit einem Jahr Präsident ist, ließ sich als Kandidat gern als Wiedervereinigungspräsident bezeichnen. Mehrere Kandidaten beider Parteien haben schon in Aussicht gestellt, dass mit einer Präsidentschaft unter ihrer Führung alles anders werde, vielleicht sogar die Wiedervereinigung mit dem Norden nahe. Denn eine geeinte Nation wollen grundsätzlich alle, die Verfassung Nordkoreas sieht dies in Artikel 9 vor, jene des Südens in Artikel 4. In dieser grundsätzlichen Sache sind sich also auch die Konservativen und Liberalen in Südkorea einig. Über den Weg dorthin sind die Meinungen verschieden. Für formale Wiedervereinigungsgespräche verlangt der Norden, dass zuerst die USA ihre Militärpräsenz aus dem Süden abziehen. So eine Bedingung halten aber vor allem die Konservativen im Süden für inakzeptabel, da der Norden sein Militär über Jahre aufgerüstet hat und der Süden dann ohne die US-Streitkräfte im klaren Nachteil wäre.

So versuchen sich die Liberalen um Präsident Moon in Verständigungspolitik: Vertrauen aufbauen, Schranken senken, ein Gesprächsklima schaffen. Die einmalige Möglichkeit wurde bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang im Februar genutzt. Kurzerhand liefen bei der Eröffnungsfeier alle koreanischen Athleten zusammen auf, im Eishockey der Frauen stellten sie ein gemeinsames Team. Unter der offiziellen Delegation aus dem Norden befand sich auch Kim Yo Jong, die Schwester von Staatsschef Kim Jong Un, die Südkoreas Präsiden Moon Jae In einen Brief mit der Gesprächseinladung überreichte.