Von Franziska Höhnl
und Dieter Keller

Keine Zölle, keine Grenzkontrollen und kaum Mobilitätshürden: Jeder Einwohner in den ostdeutschen Bundesländern hat einer Studie zufolge dank der wirtschaftlichen Vorteile des europäischen Binnenmarkts Hunderte Euro mehr in der Tasche – jedes Jahr. Doch der Osten der Republik profitiert demnach deutlich weniger als der Rest der Republik, und Brandenburg sogar am wenigsten. Im Durchschnitt berechneten die Forscher für jeden Deutschen ein jährliches Einkommensplus von 1046 Euro. „Zusammengerechnet erzielt Deutschland mit insgesamt 86 Milliarden Euro pro Jahr die höchsten Einkommensgewinne im europäischen Ländervergleich“, so die Forscher.

Der Osten lag mit einer Spanne zwischen 672 Euro in Brandenburg bis 848 Euro pro Kopf in Berlin deutlich darunter. Beim Spitzenreiter Baden-Württemberg ist das Plus im Vergleich zu Brandenburg fast doppelt so hoch. Die Forscher simulierten für 300 europäische Regionen, wie sich der Abbau von Handelshemmnissen durch den EU-Binnenmarkt niederschlägt. Einige Ergebnisse:

Berlin: Die Bundeshauptstadt kommt beim Einkommensgewinn pro Kopf im Osten Deutschlands noch am besten weg. Rund 848 Euro gibt es je Einwohner und Jahr dank des freien EU-Handels dazu. Doch selbst das schwächste westdeutsche Bundesland, Schleswig-Holstein (853 Euro), schneidet besser ab. Werden die Zugewinne je Einwohner addiert, liegt das Plus für Berlin insgesamt jedes Jahr bei fast drei Milliarden Euro.

Sachsen: Der Freistaat profitiert so stark vom EU-Binnenmarkt wie kein anderes ostdeutsches Flächenland. Jedes Jahr bringt die Handelsfreiheit laut Studie pro Einwohner 777 Euro. Addiert bringt der Binnenmarkt 3,17 Milliarden Euro pro Jahr. Die Forscher werteten auch die Großstädte aus: Demnach liegt Leipzig mit 808 Euro Plus pro Einwohner geringfügig vor der Landeshauptstadt Dresden (802 Euro).

Brandenburg: Nur 672 Euro Plus pro Einwohner – damit ist Brandenburg im Ländervergleich Schlusslicht beim Einkommensgewinn. Zusammengerechnet bringt das den Forschern zufolge 1,67 Milliarden Euro pro Jahr. Die Forscher bescheinigen Brandenburg wie den anderen ostdeutschen Ländern eine ausgeprägte Strukturschwäche.

Das Wirtschaftsministerium in Potsdam sagte dazu der RUNDSCHAU, die Landesregierung wolle die Exportkraft steigern und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen bei der internationalen Markterschließung unterstützen. Gundolf Schülke, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Ostbrandenburg, mahnte außerdem den Abbau bürokratischer Hürden an. Auch die Durchlässigkeit der Grenzen sei wichtig.

Die deutliche Kluft zum Westen liegt aus Sicht der Forscher unter anderem daran, dass es in den Regionen weniger exportstarke Unternehmen gebe, welche besonders vom zollfreien EU-Binnenmarkt profitierten. Zudem fehle es im Osten an Metropolregionen, welche besonders viele Synergieeffekte bei Unternehmensansiedlungen böten.