Der linksgerichtete frühere Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva hat die Präsidentschaftswahl in Brasilien gewonnen. Die Wahlbehörden erklärten Lula am Sonntag, 30. Oktober, nach Auszählung von fast allen Wahllokalen mit rund 51 Prozent der Stimmen in der Stichwahl zum Sieger der Präsidentschaftswahl.
„Dieses Land braucht Frieden und Einheit“, erklärte Lula in São Paulo vor jubelnden Anhängern. Der rechtsradikale Amtsinhaber Jair Bolsonaro erhielt 49 Prozent der Stimmen – er hat seine Niederlage bisher nicht eingeräumt.
  • Wie sehen die Hochrechnungen und Prognosen aus? Wann gibt es Ergebnisse?
  • Kandidaten: Wer steht in Brasilien zur Wahl?
  • Wann wird der neue Präsident bekannt?

Wahl in Brasilien: Lula gewinnt – Ergebnisse in der Nacht

Die Wahllokale für die Stichwahl zwischen Jair Bolsonaro und Luiz Inácio Lula da Silva sind seit Sonntagabend geschlossen. In Deutschland wurde gegen Mitternacht ein vorläufiges Ergebnis bekannt gegeben – gegen 20 Uhr in Brasilien. Demnach konnte Lula da Silva die Wahl äußerst knapp für sich entscheiden: Er erhielt 50,83 Prozent der Stimmen, Amtsinhaber Bolsonaro 49,17 Prozent.
Die Wahllokale in Brasilien waren in allen vier Zeitzonen gleich lang geöffnet. In deutscher Zeit heißt das, dass die Wahllokale von 12 bis 21 Uhr geöffnet waren (8 bis 17 Uhr in der Zeitzone der Hauptstadt Brasilia).
Die Präsidentenwahl in Brasilien hat auch für den Rest der Welt Bedeutung. Als riesiger Kohlenstoffspeicher spielt das Amazonasgebiet im Kampf gegen den weltweiten Klimawandel eine wichtige Rolle. Angesichts der angespannten Lage auf dem Energie- und Lebensmittelmarkt wegen des Ukraine-Kriegs ist das Land mit seinen enormen natürlichen Ressourcen ein wichtiger Handelspartner.
Luiz Inácio Lula da Silva küsst seinen Stimmzettel bei der Wahl 2022.
Luiz Inácio Lula da Silva küsst seinen Stimmzettel bei der Wahl 2022.
© Foto: Lincon Zarbietti/dpa

Umfragen vor der Wahl: Lula nur knapp vor Bolsonaro

In Brasilien zeichnete sich vor der Stichwahl ein knappes Rennen ab. Wenige Tage vor der Wahl rechnete das Meinungsforschungsinstitut Atlasintel mit einer Stimmverteilung von 52,4 Prozent für Lula und 46,0 Prozent für Bolsonaro. In den letzten Tagen vor der Wahl zeichnete sich ein Sieg für Lula ab. Vor zwei Wochen standen die beiden Kandidaten noch Kopf an Kopf.
Der Wahlkampf glich zuletzt zunehmend einer Schlammschlacht. Lateinamerikas größte Volkswirtschaft ist politisch tief gespalten. Es wird befürchtet, dass Bolsonaro eine mögliche Niederlage nicht anerkennen könnte.

Wahlbeteiligung: Wahlpflicht verspricht hohe Beteiligung

In Brasilien gilt eine Wahlpflicht für alle Bürgerinnen und Bürger zwischen 18 und 70 Jahren. Wählen dürfen auch alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren und alle, die über 70 sind. Bei diesen Gruppen ist es aber nicht verpflichtend. Entsprechend hoch wird die Wahlbeteiligung in Brasilien sein: In der ersten Runde haben 80 Prozent der Stimmberechtigten ihre Stimmen abgeben, 20 Prozent blieben fern.
Wer in Brasilien seiner Wahlpflicht nicht nachkommt, muss entweder eine Erklärung - z.B. Krankheit - dafür liefern oder ein Bußgeld zahlen. Wer nicht wählt, dem kann auch der Zugang zu bestimmten Dienstleistungen verwehrt werden. So müssen Brasilianer und Brasilianerinnen bei der Beantragung eines Reisepasses nachweisen, dass sie bei der letzten Wahl abgestimmt haben.

Kandidaten in Brasilien: Bolsonaro gegen Lula

Im ersten Wahlgang gab es sieben Kandidaten, für die sich die Brasilianer und Brasilianerinnen entscheiden konnten. Nach der Auszählung der Stimmen war klar, dass es eine Stichwahl geben würde: Keiner der Kandidaten konnte mehr als 50 Prozent der Stimmen gewinnen. Luiz Inácio Lula da Silva kam auf 48,42 Prozent, der rechtsextreme Amtsinhaber Jair Bolsonaro erhielt 43,21 Prozent der Stimmen. Somit gab es bei der Stichwahl folgende Kandidaten:
  • Jair Bolsonaro (Amtsinhaber, Liberale Partei)
  • Luiz Inácio Lula da Silva (Arbeiterpartei)
Der aktuelle Präsident von Brasilien ist der 2018 gewählte Jair Bolsonaro. Bolsonaro ist ein rechtsextremer Politiker, der in den letzten Jahren häufig den Spitznamen „Tropen-Trump“ bekommen hat. Ähnlich wie der ehemalige Präsident der USA schürt auch Bolsonaro vor der Wahl Zweifel am Wahlsystem. „Es ist unmöglich, dass wir im ersten Wahlgang nicht gewinnen“, sagte er noch vor dem ersten Durchgang.
Beobachter befürchteten, dass sich in Brasilien nach einer möglichen Niederlage Bolsonaros Szenen wie am 6. Januar 2021 in Washington abspielen: Dort hatten bewaffnete Trump-Anhänger das Kapitol gestürmt, mehrere Menschen starben. Bolsonaro hat schon vier Mal die Partei gewechselt. 2022 gehört er der Liberalen Partei „Partido Liberal“ an.
Bolsonaro trat gegen den Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva – kurz „Lula“ – an. Lula war von 2003 bis 2011 bereits Präsident von Brasilien. Er gehört der linksgerichteten Arbeiterpartei „Partido dos Trabalhadores“ an. Der Ex-Gewerkschafter Lula erhält seine meiste Unterstützung im armen Nordosten des Landes und unter den Menschen mit einem geringen und mittleren Einkommen.
Er will das Sozialsystem „Bolsa Família“ für arme Familien ausbauen, untere Einkommen von Steuern befreien sowie mit kleinen und mittleren Unternehmen, die sich während der Corona-Pandemie verschulden mussten, über Hilfen verhandeln.