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| 19:07 Uhr

Unsicherheit bei Jugendämtern
Kindeswohlgefährdung: Yagmur, Emily und die Folgen

 Eine Frau hält die Hand eines Kindes. Die Jugendämter in Deutschland melden einen traurigen Rekord: Sie haben 2018 bei rund 50 400 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt.
Eine Frau hält die Hand eines Kindes. Die Jugendämter in Deutschland melden einen traurigen Rekord: Sie haben 2018 bei rund 50 400 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. FOTO: dpa / Karl-Josef Hildenbrand
Berlin. Extremfälle aus der Vergangenheit führen dazu, dass Behörden über Inobhutnahmen von Kindern unterschiedlich entscheiden. Experten fordern deshalb bundesweit einheitliche Standards. Von Michael Gabel

Nein, so jemand durfte nach Überzeugung des Amtsgerichts Paderborn kein Kind erziehen. Der Vater, ein in Deutschland geduldeter afrikanischer Asylbewerber, sei kein „Vorbild im rechtsstaatlichen Sinne“ und habe unter anderem durch „zu starkes Schaukeln“ seine Tochter verängstigt. So steht es im psychologischen Gutachten, das das Gericht in Auftrag gab und das ihm ebenso wie später dem Oberlandesgericht Hamm als Entscheidungsgrundlage diente. Die Folge: Da die Mutter unter einer seelischen Erkrankung litt und der Vater angeblich unfähig war, ein Kind aufzuziehen, wurde es in einer Pflegefamilie untergebracht. Erst das Bundesverfassungsgericht beendete 2014 diesen Zustand und rügte die Argumentation der Vorgängerinstanzen als „verfassungsrechtlich nicht haltbar“. Der Vater bekam seine Tochter zurück. Glück gehabt.

Fälle wie dieser zeigen: Die Kriterien, wann ein Kind seinen Eltern weggenommen werden muss, um es zu schützen, und wann eine solche Maßnahme über das Ziel hinausschießt, sind oft nicht ganz klar. Zwar gibt es gesetzliche Vorgaben. So sind Familien vom Grundgesetz in besonderer Weise geschützt, und der Staat darf sich nur einmischen, wenn „das Kindeswohl gefährdet“ ist. Aber Kritiker monieren das Fehlen bundesweit einheitlicher Standards, nach denen sich die Jugendämter der Städte und Landkreise richten können.

Deshalb verwundert es nicht, dass die Quoten für die sogenannten Inobhutnahmen je nach Region erheblich differieren – in Hamburg und Brandenburg sind sie doppelt so hoch wie beispielsweise in Berlin und Baden-Württemberg. Hinzu kommt: Die Jugendämter nehmen von Jahr zu Jahr mehr Kinder aus den Familien, wenn man die Sonderfälle von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus der Statistik herausrechnet. Gab es 2010 noch 33 500 Inobhutnahmen, so stieg die Zahl auf rund 44 000 im vergangenen Jahr. Rechtsexperte Reinhard Wiesner konstatiert „angesichts der Komplexität der zu bewertenden Aspekte eine große Unsicherheit bei Fachkräften in Jugendämtern und auch bei Richtern“. Sie führe dazu, „dass viele sagen: Ich sichere mich lieber ab. Denn wenn ein Kind verletzt wird oder sogar zu Tode kommt, kann ich das nicht mehr revidieren“, sagt der frühere Referatsleiter im Bundesfamilienministerium der RUNDSCHAU.

Ein Fall, in dem das Jugendamt auf ganzer Linie versagte, war der Tod der dreijährigen Yagmur aus Hamburg. Das Mädchen starb Ende 2013 an den Folgen eines Leberrisses. Außerdem wurden bei ihm zahlreiche weitere Verletzungen festgestellt. Die Mutter bekam Lebenslänglich wegen Mordes, der Vater vier Jahre Haft wegen unterlassener Hilfeleistung. Das Jugendamt stand mit der Familie zwar die ganze Zeit über in Kontakt. Doch ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss förderte anschließend zahlreiche Versäumnisse zutage. So seien behördenintern entscheidende Informationen zu der Art der Verletzungen des Mädchens nicht weitergegeben worden. Darüber hinaus habe es zahlreiche weitere „individuelle Fehlleistungen“ gegeben, die dazu geführt hätten, dass das Kind in der Familie blieb.

Auch nach dem Tod der zweijährigen Emily in Eberswalde 2017 gab es Vorwürfe gegen das dortige Jugendamt. Der wegen Mordes verurteilte Vater war den Behörden bekannt. Sein Anwalt kritisierte während des Prozesses, dass Jugendamt und Familiengericht mehreren Anzeigen wegen Kindeswohlgefährdung nur zögerlich nachgegangen seien.

Für den früheren Abteilungsleiter der Hamburger Jugendhilfe, Wolfgang Hammer, sind solche Extrem-Beispiele der Grund dafür, warum manche Behörden überreagieren. „Ich habe Aussagen von Leitungsebenen, die vor zehn Jahren unmöglich gewesen wären: Lieber zehn Kinder mehr in Obhut nehmen als eins zu wenig“, habe es geheißen.

Um die Unsicherheit einzugrenzen, empfiehlt Wiesner, dass Jugendämter künftig ihre Arbeit an einheitlichen Vorgaben ausrichten. „Es muss zum Beispiel nicht sein, dass beinahe jede Kommune ihren eigenen Kinderschutzbogen benutzt mit jeweils unterschiedlichen Bewertungskriterien über die Zustände in den Familien“, betont er. Die jetzige Situation mit 560 Jugendämtern in Städten und Kreisen führe zusammen mit anderen Faktoren „zu 560 Standards vor Ort“.

Auch sei die Personalausstattung der Allgemeinen Sozialen Dienste, die bei den Jugendämtern in der Regel für Inobhutnahmen zuständig sind, von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich. In Berlin zum Beispiel sei die Personalnot besonders groß, was laut Wiesner mit ein Grund für die im Vergleich geringeren Fallzahlen sein könne. Deshalb wäre es aus seiner Sicht sinnvoll, einheitliche Fallquoten pro Mitarbeiter festzulegen. Auf eine Zahl will er sich nicht festlegen, weil der Begriff „Fall“ sehr unterschiedliche zeitliche Belastungen umfassen kann. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeine Soziale Dienste fordert eine Obergrenze von 28 Fällen pro Vollzeitkraft.

Darüber, ob eine niedrigere Betreuungsquote Yagmurs Tode tatsächlich hätte verhindern können, lässt sich nur spekulieren. Hamburg hat jedenfalls reagiert und die Zahl der für den Allgemeinen Sozialen Dienst vorgesehenen Vollzeitstellen seither kräftig aufgestockt.