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Jeder Dritte betroffen
So einsam und arm sind die Alleinstehenden in Deutschland

Ein Mann greift in sein Portemonnaie (Symbolbild).
Ein Mann greift in sein Portemonnaie (Symbolbild). FOTO: dpa
Deutschland ist ein Land der Alleinstehenden. Millionen von ihnen könnten in die Armut abrutschen. Selbst Arbeit sichert vielen kein Einkommen, das ausreichen würde. Hart trifft viele auch ein anderes Problem: Einsamkeit.

Im Jahr 2006 waren 21,5 Prozent aller Alleinstehenden in Deutschland von Armut bedroht. Zehn Jahre später waren bereits 32,9 Prozent der Alleinstehenden im Land armutsgefährdet. Das geht aus den jüngsten Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat für das Jahr 2016 hervor.

In den vergangenen Wochen waren soziale und gesundheitliche Folgen von Einsamkeit verstärkt in den Fokus gerückt, nachdem in Großbritannien ein Regierungsposten gegen Einsamkeit eingerichtet wurde. Auf die aktuellen Eurostat-Zahlen machte die Linke im Bundestag aufmerksam.

Der Präsident der Diakonie Deutschland, Ulrich Lilie, sagte in Berlin, die Betroffenen hätten es sich häufig nicht selbst ausgesucht, alleinstehend zu sein. "Das verpflichtet die Gemeinschaft, diesen Menschen strukturell zu helfen."

Viele Ältere betroffen

Der Anteil der von Armut bedrohten Alleinstehenden nahm laut Eurostat bereits 2007 auf 27,3 Prozent zu und liegt seit 2011 bei über 30 Prozent. Experten gehen davon aus, dass insbesondere Ältere mit kleinen Renten oder Grundsicherung betroffen sind, Jüngere auf dem Weg von einer Ausbildung ins Berufsleben sowie Niedrigverdiener.

Als von Armut bedroht gilt, wer bei unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt, 2016 waren dies 1063,75 Euro pro Monat. Alleinstehende mit einer Beschäftigung waren laut Eurostat zu 17 Prozent armutsgefährdet. Zehn Jahre zuvor waren es nur 10,1 Prozent.

Auch die Gesamtzahl der Alleinstehenden ist in den vergangenen Jahren in Deutschland mit leichten Schwankungen angestiegen und überschritt 2015 die Marke von 16 Millionen. 2016 waren es 16,43 Millionen alleinstehende Erwachsene ohne Kinder. In mehr als zwei von fünf Haushalten leben Alleinstehende (40,8 Prozent).

EU-weite Armutsgefährdung niedriger als in Deutschland

EU-weit sind nur 32,5 Prozent der privaten Haushalte Alleinstehenden-Haushalte. Auch der Anteil der Armutsgefährdung liegt bei ihnen EU-weit unter dem deutschen Wert, nämlich bei 25,6 Prozent.

Die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann, die die Eurostat-Zahlen ausgewertet hat, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Armut breitet sich zunehmend in Deutschland aus. Sie ist da und kann sich nicht verstecken." Im EU-Vergleich habe Deutschland einen ausgeprägten Niedriglohnsektor. "Eine neue Bundesregierung muss hier einen Schwerpunkt setzen", sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Sie forderte unter anderem eine Erhöhung des Mindestlohns auf zwölf Euro, ein Verbot von Leiharbeit sowie von sachgrundlosen Befristungen.

Insbesondere Frauen haben Geldsorgen

Diakonie-Präsident Lilie machte darüber hinaus darauf aufmerksam, dass viele alleinerziehende Frauen Probleme hätten, mit ihrem Einkommen zurechtzukommen. Alleinerziehende, die zum Beispiel Unterhaltsansprüche nicht durchsetzen könnten und kein Netz von Verwandten hätten, gerieten rasch in eine Abwärtsspirale. "Viele müssen quasi rund um die Uhr arbeiten und sich um die Kinder kümmern", sagte Lilie. "Soziales Leben findet dann kaum noch statt." Eine soziale Notlage gehe so oft mit zunehmender Vereinsamung einher.

Lilie begrüßte, dass sich Union und SPD im Entwurf ihres Koalitionsvertrags zum Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse in ganz Deutschland bekannt hätten. "Das ist ein Schritt in die richtige Richtung." So seien Kitas heute in vielen Städten mit angespannter Haushaltslage nicht beitragsfrei, während wohlhabende Kommunen beitragsfreie Kitas anböten. Die Politik sei gefordert, beitragsfreie Kitas zu schaffen und Ganztagsbetreuung auch für Schüler auszubauen.

(oko)