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| 18:46 Uhr

Politik und Verbraucher
Sieht aus wie Fleisch, ist aber keins

 Ob Burger oder andere Klassiker – viele Gerichte gibt es inzwischen auch in einer vegangen Variante. 
Ob Burger oder andere Klassiker – viele Gerichte gibt es inzwischen auch in einer vegangen Variante.  FOTO: Sophia Kembowski
Berlin. Die fleischlose Alternative zum Bratklops erobert nach den USA nun auch den deutschen Markt. Von Dorothee Torebko und Michael Gabel

Jakob bohrt seine Zähne in das weiche Brötchen, das Salatblatt, Tomaten und einen braunen Klops zusammenhält. „Mmm, schmeckt wie ein richtiger Burger“, brummt er und wischt sich die Soße mit der Hand aus dem Mundwinkel. Was der Fleischliebhaber gerade probiert hat, ist kein gewöhnlicher Burger. Das Fleisch ist kein Fleisch, es ist aus Pflanzen gemacht. Das Besondere: Während die Brutzler früher wie ein künstlicher Pflanzenkloß schmeckten, können Konzerne Geschmack und Aussehen von Fleisch neuerdings nahezu identisch nachahmen. Damit ist ihnen eine Revolution gelungen, die nun auch in Deutschland angekommen ist.

Kunstfleisch ist raus aus der Nische. Das hat mit der Themenkonjunktur zu tun, die um den Klimawandel, Umweltschutz und Nachhaltigkeit kreist. In einer aktuellen Yougov-Umfrage gaben 63 Prozent der befragten Deutschen an, ihren Fleischkonsum zugunsten der Umwelt „deutlich“ einschränken zu wollen.

Konzerne und Supermärkte haben den Trend erkannt und machen mit dem schlechten Gewissen der Menschen ein Milliardengeschäft. Sie propagieren: Verzicht muss keine Qual sein. Die Umwelt retten kann Spaß machen. Damit sind Pflanzenburger, die wie Fleisch schmecken, Ausdruck des Zeitgeistes und derzeitigen politischen Diskurses: Ist die Rettung des Klimas möglich, ohne die Bürger in ihrer individuellen Freiheit einzuschränken?

Zwischen sieben und 28 Kilogramm Treibhausgas

Fleischproduktion schadet der Umwelt nachweislich. Laut Umweltbundesamt verursacht die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch je nach Haltungsbedingungen zwischen sieben und 28 Kilogramm Treibhausgas. Bei Obst und Gemüse ist es weniger als ein Kilogramm. Zudem werden durch Weideflächen und den Anbau von Futtermitteln wertvolle Ökosysteme und CO2-Speicher wie Regenwälder verdrängt. Deshalb empfiehlt der World Wide Fund for Nature (WWF), dass jeder Bundesbürger mindestens einmal die Woche auf Fleisch verzichtet. „Das würde zu einer jährlichen Einsparung von rund neun Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen führen, was 75 Milliarden Pkw-Kilometern entspricht“, rechnet WWF-Expertin Tanja Dräger vor.

Immer mehr Deutsche verzichten auf Fleisch. Nach Angaben des Ernährungsreports 2019 sinkt der Fleischkonsum in Deutschland seit 2017 kontinuierlich. Vegane und vegetarische Restaurants gibt es in Großstädten an jeder Ecke.

Nun sorgen die US-Konzerne Beyond Meat und Impossible Foods mit ihren Pflanzenburgern für einen Boom. Deren Burger aus Erbsenprotein, Kartoffelstärke und Kokosöl sowie Sojaprotein, Kokos- und Sonnenblumenöl schmecken nicht nur wie Fleisch, sie sehen mit dem roten Kern – kein Blut, sondern Rote-Beete-Saft – auch so aus. Sie sind zwar keine kalorienarme, dafür aber eine umweltbewusste Alternative zum Hackfleisch. Laut Beyond Meat werden im Vergleich zum tierischen Produkt 99 Prozent weniger Wasser, 93 Prozent weniger Landfläche und 90 Prozent weniger Treibhausgase emittiert.

In den USA ist der Burger ein Verkaufsschlager, der mit dem Hollywood-Star und selbst ernannten Umweltschützer Leonardo DiCaprio und Microsoft-Gründer Bill Gates prominente Unterstützer hat. Längst haben auch deutsche Supermärkte das Potenzial erkannt und wollen an dem Erfolgsmodell kräftig mitverdienen. Testweise hatten Lidl und Netto den Klops im Sortiment. Statt wie im Imbiss bis zu zehn Euro kostete er dort nur die Hälfte und war deshalb nach wenigen Stunden ausverkauft.

Würstchen waren früher selbstverständlich

Der Erfolg der Burger überrascht Christoph Klotter nicht. „Das Essen hat sich moralisiert. Über das, was wir verzehren, leben wir unseren Lebensstil aus“, erläutert der Professor für Ernährungspsychologie an der Hochschulde Fulda. Früher sei es selbstverständlich gewesen, in ein Würstchen zu beißen. „Heute fragen sich viele: Kann ich das überhaupt verantworten?“

Doch obwohl sich viele über die verheerende Umweltbilanz des Fleischkonsums im Klaren sind, wollen manche nicht auf den Geschmack und die Konsistenz verzichten. Das sei auch evolutionär bedingt. „Der Verzehr von Fleisch ist seit Menschheitsbeginn ein starkes Symbol für Wohlstand und Überleben“, erläutert der Wissenschaftler. Veggie-Alternativen stünden für eine uralte Ernährungstradition.

Indem Pflanzenburger wie Fleisch schmeckten, spüre der umweltbewusste Fleischesser keinen Verzicht und habe zugleich das Gefühl, etwas Gutes zu tun, sagt Klotter. Er lobt den Fleischersatz als smarte Lösung für den Klimaschutz. Wenn das Produkt hierzulande erst in den Supermärkten ankomme und Nachahmer finde, werde es auch nicht mehr so teuer sein. Klotter findet die Entwicklung gut. „Das ist doch wunderbar: Wir können durch kluges Essen etwas für unsere Erde tun.“