ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:26 Uhr

Jubiläum
Der Streit ums Eszett

Blick in ein Schulheft mit vor 20 Jahren alten und neuen Schreibweisen verschiedener Wörter.
Blick in ein Schulheft mit vor 20 Jahren alten und neuen Schreibweisen verschiedener Wörter. FOTO: dpa / Hubert Link
Berlin . Seit 20 Jahren ist die reformierte Rechtschreibung verbindlich für Behörden und Schulen in Deutschland. Von Mathias Puddig

Heute vor 20 Jahren ist die Rechtschreibreform trotz heftigen Streits in Kraft getreten. Mittlerweile glauben viele: Es wäre auch einfacher gegangen. Weitere radikale Änderungen der Orthografie sind demnächst allerdings nicht zu erwarten.

Vielleicht war es einfach zu viel des Neuen: 1998 war das Jahr, in dem Helmut Kohl abgewählt wurde, Viagra auf den Markt kam, Handys sich sprunghaft etablierten und Modern Talking ihr Comeback gelang. Bundestag und Regierung standen kurz vorm Umzug nach Berlin, Verona Feldbusch – heute Pooth – spielte ihre erste Hauptrolle. Der Film hieß „Heirate mir!“, und das war für einige nicht der derbste Anschlag auf die deutsche Sprache: Am 1. August wurde die reformierte Rechtschreibung offiziell in Behörden und Schulen eingeführt.

Das „daß“ war damit Vergangenheit, ebenso der „Kuß“ und die „Mayonnaise“. Stattdessen hieß es nun „dass“, „Kuss“ und „Majonäse“. Die „Mayonnaise“ kehrte zwar 2006 bei der Reform der Reform zurück. Doch die anderen beiden Wörter verloren ihr Eszett für immer. Und kaum jemand echauffiert sich heute noch darüber. Dabei ging der Reform ein jahrzehntelanger Streit voraus.

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine einheitliche Rechtschreibung in Deutschland. Erst 1901 gelang es, sich auf ein einheitliches Regelwerk zu einigen. Dieses basierte auf dem Wörterbuch, das Konrad Duden 1880 zusammengetragen hatte. „Schreibe, wie Du sprichst“ war seine Maxime.

Der Haken: Man spricht weder Kommata noch Groß- oder Kleinbuchstaben. Und obwohl das Standardwerk bis heute seinen Namen trägt, konnte Duden eine seiner Forderungen nicht durchsetzen: die nach gemäßigter Kleinschreibung.

Viele Linguisten wiederholten nach ihm diese Forderung, und viele brachten in den folgenden Jahrzehnten weitere Ideen ein. Hätten sich etwa die Radikalreformer der 80er-Jahre durchgesetzt, sähe das Schriftbild des Deutschen heute so aus: „der keiser isst opst, der apt al im bot.“

Doch sie waren chancenlos. Denn das ganze 20. Jahrhundert über scheiterten Reformen mal an poetischen Geistesgrößen wie Thomas Mann und Friedrich Dürrenmatt, mal am Widerstand der Öffentlichkeit und mal an der Politik. Schließlich mussten die Schweiz, Österreich, Liechtenstein, die Bundesrepublik und die DDR ins Boot geholt werden.

Die Frage, wie man richtig schreibt, ist ohnehin keine rein ästhetische oder linguistische. Sie ist auch eine politische. Das zeigt sich heute zum Beispiel, wenn es um geschlechtergerechte Sprache geht. Und schon 1920 diffamierte Thomas Mann – übrigens selbst eifriger Nutzer des heute so verschmähten Deppenapostrophs  – Reformpläne als „bolschewistischen Unfug“.

Ähnlich scharf war der Ton auch nach 1996, als die Kultusminister die Vorschläge vorgestellt hatten, die zuvor eine Runde von Experten weitgehend ohne Beteiligung der Öffentlichkeit ersonnen hatte. In Windeseile fanden sich die Großpoeten des Landes zusammen, um Sturm zu laufen gegen die Reform. Siegfried Lenz sprach von „kostspieligem Unsinn“. Martin Walser bekannte: „Ich fahre so fort.“ Walter Kempowski jammerte gar: „Ich fühle mich gedemütigt.“ Dabei stand es ihm – wie allen anderen Schriftstellern auch – frei, weiter zu schreiben, wie er wollte. Ausgerechnet Marcel Reich-Ranicki blieb aber gelassen. „Einmal in 100 Jahren sollte man sich von dem stets zu erwartenden Widerstand der älteren Generationen nicht beirren lassen“, urteilte er. Er fand kein Gehör.

Denn die Debatte tobte weiter. Noch im März 1998, ein Vierteljahr bevor die Reform in Kraft trat, holzte der CSU-Abgeordnete Peter Ramsauer im Bundestag gegen den sächsischen Staatsminister Hans Joachim Meyer (CDU), der für die Reform argumentierte: „Sie Verräter!“.

Der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle warf Meyer „Realsatire“ vor, weil dieser fragte: „Wenn es schon bei einem Reförmchen wie diesem zu solchen Reaktionen kommt, was soll dann erst geschehen, wenn es wirklich ernst wird mit Veränderungen in Deutschland?“ Am Ende der Debatte hielt es eine Mehrheit der Abgeordneten für nötig, fürs Protokoll noch einmal festzuhalten: „Die Sprache gehört dem Volk.“ Dabei hatte dies  ja niemand bestritten. Es war also reine Symbolik.

Doch der Streit hatte da mit der richtigen Schreibung sowieso nicht mehr viel zu tun. Eine Erklärung dafür lieferte die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach: „Wer bedenkt, dass Sprache nicht nur ein Mittel der Verständigung, sondern Kultur ist, wird dem Wirken staatlicher Einflussnahme von vornherein mit Skepsis begegnen“, schrieb sie 2006. „Die Streitgeschichte der Rechtschreibreformen lehrt, dass man Sprache besser nicht administrieren sollte.“

Viel genützt hat es ja ohnehin nicht. „In der Rückschau muss man sagen, es war unheimlich viel Wind um recht wenig“, sagt Heinz-Peter Meidiger, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Für dieses Resultat hätte es keine Rechtschreibreform gebraucht, meint er mit Blick auf die Nachjustierungen der Reform. „Das, was an Änderungen übrig geblieben ist, das hätte man auch so wie früher von Auflage zu Auflage des Dudens regeln können.“

So lief es seitdem auch: Die letzte größere Änderung der deutschen Rechtschreibung ging weitgehend geräuschlos über den Tisch. Dass vor fast genau einem Jahr, am 29. Juli 2017, das große Eszett ins deutsche Alphabet aufgenommen wurde, hat fast niemand bemerkt. Bestrebungen, andere Neuerungen wie Emojis oder geschlechtergerechte Formen in die offizielle Rechtschreibung aufzunehmen, gibt es ohnehin nicht. In seiner bislang jüngsten Pressemitteilung beklagt der Rechtschreibrat: Die Entwicklung der geschlechtergerechten Sprache sei noch nicht so weit, „dass das Regelwerk der Amtlichen deutschen Rechtschreibung geändert werden sollte“.