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| 17:09 Uhr

Abschlussbericht
„Schmerzen, Entsetzen und Wut“

Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag den Breitscheidplatz in Berlin und legt eine weiße Rose zum Andenken an die Opfer nieder. Bei dem Anschlag mit einem entführten Lastwagen tötete der islamistische Terrorist  Amri am Abend des 19. Dezember 2016 zwölf Menschen und verletzte etwa 70.
Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag den Breitscheidplatz in Berlin und legt eine weiße Rose zum Andenken an die Opfer nieder. Bei dem Anschlag mit einem entführten Lastwagen tötete der islamistische Terrorist Amri am Abend des 19. Dezember 2016 zwölf Menschen und verletzte etwa 70. FOTO: Michael Kappeler / dpa
Berlin. Hinterbliebenen-Beauftragter Beck fordert mehr Unterstützung für Terroropfer.

Vor fast genau einem Jahr raste der Tunesier Anis Amri mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt  am Berliner Breitscheidplatz. Es war der bislang schwerste islamistisch motivierte Terroranschlag in Deutschland. Zwölf  Menschen starben. Fast 100 wurden zum Teil schwer verletzt. Sie und ihre Angehörigen kämpfen bis heute mit den körperlichen und seelischen Belastungen – und der Enttäuschung über Behörden-Wirrwarr und spärliche Entschädigungen. Davon zeugt auch der Abschlussbericht, den  der Hinterbliebenen-Beauftragte Kurt Beck (SPD) am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Wer die Faktensammlung liest und die von Beck dringend angeratenen Konsequenzen, der kann nur zu dem Schluss kommen, dass das Land auch nicht im Entferntesten auf einen Terroranschlag dieses Ausmaßes vorbereitet war. Es begann schon damit, dass Betroffene  unmittelbar nach der Bluttat am 19. Dezember 2016 gar nicht wussten, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden könnten.

Auch gab es quälend lange Verfahren bei der Identifizierung der Opfer, obwohl die Getöteten einen Ausweis bei sich trugen. Bis zu drei Tage seien vergangen, bevor Angehörige Gewissheit über den Tod ihrer Liebsten gehabt hätten, klagte Beck. Hinzu kam eine erschütternde Pietätlosigkeit: Von der Berliner Charité erhielten Anverwandte Rechnungen für die Obduktion, die „sofort fällig“ gestellt wurden. Für die Angehörigen sei all das eine „furchtbare Erfahrung“ gewesen, sagte Beck.

Ein weiterer Schwachpunkt war die Unklarheit über die infrage kommenden Entschädigungsquellen. Denn neben dem „Opferentschädigungsgesetz“ gibt es auch „Härteleistungen“ und die „Verkehrsopferhilfe“. Erst nach ein paar Wochen stand fest, dass man sämtliche Bestimmungen im Interesse umfassender Hilfen nutzen würde.

 Diese Hilfen sind nach Becks Einschätzung aber trotzdem noch viel zu gering. Ehepartner der Getöteten zum Beispiel erhalten 10 000 Euro als Härteleistung. In anderen Ländern ist es ein Vielfaches. Als eine der zentralen Schlussfolgerungen plädierte Beck deshalb für eine „deutliche Anhebung“ der Zahlungen.

Der geschäftsführende Justizminister Heiko Maas (SPD) sagte eine „positive Prüfung“ namens der Regierung zu. Zugleich kündigte er eine Überarbeitung des Opferentschädigungsgesetzes an. Denn Attentate mit Fahrzeugen sind darin eigentlich gar nicht erfasst. Ein Tatmittel dürfe jedoch nicht über Hilfsansprüche entscheiden, so Maas.

Sein Parteikollege Beck regte für Terroropfer zentrale Anlaufstellen bei Bund und Ländern an – und eine Gedenk-Kultur, die dem Schmerz der Hinterbliebenen Rechnung trägt. Zwar habe es viele Formen der Anteilnahme gegeben, so Beck. Aber die Betroffenen hätten eine „staatliche Anerkennung“ vermisst. Eine Feststellung, die in erster Linie auf Angela Merkel zielte.

Mitglieder aus allen zwölf Familien der Todesopfer hatten der Kanzlerin kürzlich in einem Offenen Brief politisches Versagen vorgeworden. Merkel habe es „versäumt“, die Bekämpfung der Gefahren voranzutreiben, hieß es darin.

Obendrein beklagten die Verfasser, „dass Sie, Frau Bundeskanzlerin, uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben“. Am kommenden Montag ist im Kanzleramt ein Treffen Merkels mit Opfern des Anschlags geplant. Auch Beck nimmt daran teil. Doch ob diese späte Geste viel ändert, darf bezweifelt werden.

Eine „Mischung aus Schmerz, Entsetzen und Wut“ hat Beck bei den Hinterbliebenen ausgemacht.