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| 16:30 Uhr

Umwelt
Sachsens Straßenbäume sterben einsam

Längst stehen die Alleebäume in Sachsen vielerorts nicht mehr so schön in Reih und Glied wie hier in Nostitz.
Längst stehen die Alleebäume in Sachsen vielerorts nicht mehr so schön in Reih und Glied wie hier in Nostitz. FOTO: dpa / Sebastian Kahnert
Dresden. An Sachsens Straßen sind 7400 Bäume verschwunden. Nachgeplanzt wurden keine 900. Über eine bedrohte Pflanzenart, um die sich kaum einer schert. Von Christine Keilholz

Das Verhältnis von Alt und Neu spricht für sich. 7400 Straßenbäume fielen 2017 in Sachsen der Säge zum Opfer – keine 900 wurden neu gepflanzt. Für gerade mal zwölf Prozent der gefällten Bäume gab es also Ersatz. Ein neuer Negativrekord, kritisieren Sachsens Grüne. 2010 gab es noch für zwei Drittel der Bäume Ersatz.

Seit Jahren verschwinden die Bäume an den Straßen. In den letzten acht Jahren kam fast ein Drittel des Baumbestands an Bundes- und Staatsstraßen unter die Säge – das waren mehr als 60 000 Bäume. Das ergab eine Anfrage des Grünen-Fraktionschefs im Landtag an das Verkehrsministerium. Das, so Günther, schaue dem dramatischen Verlust „relativ ungerührt zu“.

Gründe für das leise Verschwinden der Bäume am Fahrbahnrand gibt es viele. Die drei wichtigsten: Bäume werden, erstens, als Verkehrshindernis gesehen. Zweiens ist Bäume pflanzen ein Aufwand, der, drittens, nicht Pflicht ist. Die Folgen sind hundertfach im ländlichen Raum erkennbar. Wo immer eine Fahrbahn erweitert wird, ein neuer Kreisverkehr oder eine Unterführung entsteht, bleibt hinterher das Bild baumfreier Ordnung.

Allein in den Kreisen Görlitz und Bautzen ist dieses Bild verheerend. Hier wurden an Bundesstraßen im zurückliegenden Jahr mehr als 500 Bäume gefällt. An Staatsstraßen mehr als 900. Gepflanzt wurden nur um die 100.

Verantwortlich für das Drama machen Umweltschützer die sogenannte „Richtlinie für den passiven Schutz an Straßen“. Diese Regelung aus dem Jahr 2009 wertet den Baum an der Straße in erster Linie als Sicherheitsrisiko. Um das zu mindern, sollen Bäume grundsätzlich auf mindestens 7,5 Meter vom Fahrbahnrand verbannt werden.Die Richtlinie empfiehlt zwar Neupflanzungen, macht sie aber praktisch unmöglich. Denn oftmals muss dafür Land zugekauft werden, was Baumaßnahmen verteuert und verzögert. Im Endeffekt entstehen gruselige Verkehrsschneisen mit verdorrtem Gras und es verschwinden massenhaft Bäume – und kaum einer regt sich drüber auf.

Es sei denn, ein identitätsstiftendes Kulturgut ist in Gefahr – wie die Allee. Von den Alleen, für die Brandenburg schon zu Zeiten der Hohenzollern berühmt war, ist heute nur noch die Hälfte erhalten.

Damit der Zielkonflikt zwischen Verkehrssicherheit und Alleenerhalt nicht immer nur zu Lasten der Bäume ausgeht, fordern Sachsens Grüne ein Umdenken in der Landespolitik. So könnten auch vermehrt Leitplanken gesetzt werden, um für mehr Sicherheit am Fahrbahnrand zu sorgen, ohne dass dafür Bäume weichen müssen.

Zudem machen Mähmaschinen, Bagger und Trecker den alten Bäumen zu schaffen. Immer größere Landmaschinen fahren immer näher an den Feldrand. Auch Streusalz ist ein Baumkiller, der langsam wirkt. Das Salz stört die Nährstoffaufnahme und macht die Riesen anfällig für Krankheiten. Streumittel aus Sand oder Kalkstein wären schonender, meint der Grüne Günther. Um sichere Straßen zu bekommen, wäre auch Geschwindigkeitsbegrenzung eine Lösung.

Experten betonen, dass ein frisch gepflanzter Setzling nur einen Bruchteil der ökologischen Leistungen eines alten Baums erbringt – er produziert weniger Sauerstoff, dämmt weniger Lärm, spendet weniger Schatten. Für einen gefällten Baum müssten eigentlich drei neue gepflanzt werden. Aber für den Baum, so bemängelt Wolfram Günther, gibt es in Sachsens Staatsregierung „leider keine Lobby“.