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| 07:18 Uhr

Analyse
Rom hat gesprochen

Rom. Im Streit um den Kommunionempfang von konfessionsverschiedenen Paaren stellt sich der Vatikan gegen die Deutsche Bischofskonferenz. Rückschritte bei der Ökumene darf sich die katholische Kirche jedoch nicht leisten. Benjamin Lassiwe

"Roma locuta, causa finita." "Rom hat gesprochen, die Angelegenheit ist erledigt." So war es früher, wenn ein Streit aus der katholischen Kirche den Weg nach Rom fand und der Papst ein Machtwort sprach. Und ein bisschen scheint es auch am Montag so gewesen zu sein: Denn in der Debatte um die konfessionsverschiedenen Ehepaare und ihre Zulassung zur katholischen Eucharistie hat der Präfekt der Glaubenskongregation, Luis Ladaria, ein Machtwort gesprochen. In einem Brief an den Vorsitzenden der Katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, schreibt er, dass die von den deutschen Bischöfen vorbereitete Handreichung zum Kommunionempfang von konfessionsverschiedenen Paaren "noch nicht reif zur Veröffentlichung sei".

Für viele engagierte Christen beider Konfessionen ist das ein schwerer Schlag. Denn die Erwartungen waren groß, als die deutschen Bischöfe bei ihrer Frühjahrs-Vollversammlung in Ingolstadt mit einer 75-Prozent-Mehrheit beschlossen hatten, dass unter ganz bestimmten Ausnahmeregeln auch evangelische Ehepartner von Katholiken zur katholischen Eucharistie zugelassen werden sollen. Es schien, als wäre die Ökumene zwischen den Kirchen nach Ende des Lutherjahres einen großen Schritt vorangekommen. Doch nach und nach wurden die innerkatholischen Widerstände deutlich: Unter Leitung des Erzbischofs von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, schrieben sieben Bischöfe einen Brief nach Rom. Sie baten um nochmalige Überprüfung. Und auch hier schien es zunächst so, als hätte der Vatikan nur wenig einzuwenden: Nach einem Treffen in Rom, an dem Vertreter beider Seiten teilnahmen, hieß es zunächst, der Vatikan würde die Angelegenheit zur Entscheidung nach Deutschland zurückgeben. Doch seit Montag ist klar: Nennenswerten Spielraum haben die Bischöfe wohl nicht mehr. Denn das Schreiben aus Rom ist ziemlich eindeutig. Ladaria würdigte zwar das Bemühen der deutschen Bischöfe um die Ökumene. Doch das Thema der Kommunionzulassung evangelischer Ehepartner sei von weltkirchlicher Relevanz und habe Auswirkungen auf die Beziehungen zu anderen Kirchen, die nicht zu unterschätzen seien. Deswegen wollten sich nun zunächst die römischen Dikasterien mit der Angelegenheit beschäftigen. Womit sich der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki und die übrigen nach Rom schreibenden Bischöfe mit ihren Zweifeln durchaus bestätigt fühlen können. Schließlich haben sie immer mit der Sorge um eine einheitliche Regelung in der katholischen Weltkirche argumentiert.

Doch die Aussage, das Urteil über "das Vorliegen einer drängenden, schweren Notlage" dem Diözesanbischof überlassen zu wollen, zeigt eben auch: Ein Stoppzeichen für die Ökumene ist das Schreiben aus Rom auch nicht. Es ist der Versuch, Tempo aus der Angelegenheit zu nehmen. Kronzeuge dafür ist der Landesbischof der evangelischen Nordkirche, Gerhard Ulrich. Als Präsident des Deutschen Nationalkomitees des Lutherischen Weltbundes hatte er am Montag eine Audienz bei Papst Franziskus und sprach auch das Thema der konfessionsverschiedenen Paare deutlich an. "Wir wünschen uns, dass die katholische Ortskirche in Deutschland vom Vatikan ermutigt wird, hier Schritte nach vorn zu gehen." Franziskus indes äußerte sich dazu nicht. Doch er forderte Fortschritte in der Ökumene. "Wir sollen weitergehen und so viele Menschen wie möglich mitnehmen", zitiert Ulrich den Papst. "Natürlich forderte Franziskus auch, dass wir nicht ungestüm vorpreschen sollen - dieser Satz war aber nicht auf die deutsche Situation der konfessionsverschiedenen Ehen bezogen und bedeutet kein Stoppsignal."

Einer allerdings hat aus Rom ein deutliches Stoppsignal erhalten: Kardinal Marx, der bislang in ziemlich barocker Herrlichkeit die Bischofskonferenz regierte. Als etwa in Ingolstadt die Entscheidung der Bischöfe zu der geplanten Handreichung fiel, war Marx alleine vor die Presse getreten. In anderen Organisationen hätte ein Vertreter der Minderheit eine Möglichkeit erhalten, neben Marx auch sein Votum zum Ausdruck zu bringen. In einem vom christlichen Miteinander aller Beteiligten geprägten, kollegial arbeitenden Gremium wie der Deutschen Bischofskonferenz ist das freilich ganz und gar undenkbar. Stattdessen werden Briefe nach Rom geschrieben, Dokumente durchgestochen und Intrigen gesponnen. Und spätestens seit Montag ist klar: Rom gefällt das ganz und gar nicht. Auch hier wird Ladarias Brief deutlich: "Es ist dem Heiligen Vater ein großes Anliegen, dass in der Deutschen Bischofskonferenz der Geist bischöflicher Kollegialität lebendig bleibt." Marx, dessen Amtszeit 2020 endet, muss sich zügig etwas einfallen lassen, sollte er nennenswertes Interesse an einer Wiederwahl haben.

Vorerst allerdings kündigte Marx weitere Gespräche in Rom und mit dem Papst an. Und auch die Herbst-Vollversammlung der Bischofskonferenz wird weiter beraten. Denn dass beim Thema konfessionsverschiedene Paare gar nichts vorangeht, kann sich die Kirche im Prinzip auch nicht mehr leisten. Schließlich sind diejenigen, die das Verbot, gemeinsam zum Abendmahl oder zur Eucharistie zu gehen, überhaupt noch schmerzt, meist auch diejenigen Christen, die sich über viele Jahre in den Gemeinden engagiert haben. Es sind die Hochverbundenen, die die Kirche am Leben erhalten. Auf diese Menschen ist man aber angewiesen, soll die Kirche erfolgreich wachsen: Denn jede Neuevangelisierung wird fehlschlagen, wenn Menschen, die den Weg zurück zur Kirche finden, in den Gemeinden auf eine Ansammlung von Dauerfrustrierten treffen, die vor lauter Ärger über ihre Bischöfe die Freude am Glauben längst verloren haben.