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| 11:45 Uhr

70 Jahre Volksrepublik China
Riesenreich vor Riesenproblemen

China feiert 70. Jahrestag mit Militärparade FOTO: dpa / Ng Han Guan
Peking. Am 1. Oktober feiert Chinas Führung den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik. Die Erfolge der kommunistischen Partei sind beachtlich. Doch das System in dem Riesenreich stößt an seine Grenzen. Von Felix Lee

In der Großen Halle des Volkes sieht es so aus, als wäre die Zeit stehengeblieben. Hinter der Tribüne prangt haushoch das Staatswappen der Volksrepublik. Ein prächtiger roter Stern dient als Lichtquelle. Alles ist so choreografiert wie zu Zeiten Mao Tsetungs. Doch der ist seit 43 Jahren tot.

Die Volksrepublik China gibt es länger mit Kapitalismus als ohne. Trotzdem wird jedes Jahr im Frühjahr, wenn der Nationale Volkskongress zusammentritt, an den kommunistischen Ritualen festgehalten, als würde es das moderne China mit den glitzernden Wolkenkratzern und der Luxus-Mall ein paar Hundert Meter weiter nicht geben.

 Feiern mit großem Pomp: Ein paramilitärischer Polizist steht vor einer Leinwand, die den bevorstehenden 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ankündigt.
Feiern mit großem Pomp: Ein paramilitärischer Polizist steht vor einer Leinwand, die den bevorstehenden 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ankündigt. FOTO: dpa / Ng Han Guan

Doch genau das ist es, was die kommunistische Führung ihren Bürgern vermitteln will, wenn sie am 1. Oktober den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik mit Rede des Staatschefs Xi Jinping und großer Militärparade begeht: Stabilität und der alleinige Machtanspruch. Die Botschaft: Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein neues China. „Glorreiche 70 Jahre, Kampf der neuen Ära“ lautet das Motto.

Politisch starr, wirtschaftlich jederzeit wandlungsfähig – das ist es, was China heute auszeichnet. Das war nicht immer so. Als 1949 Mao an die Macht kam, wollte er nichts Geringeres als den wahren Kommunismus auf Erden. Was die Chinesen in den nächsten Jahrzehnten mit dem „Großen Sprung vorwärts“ und der Kulturrevolution erleben sollten, waren ideologisch aufgeladene Kampagnen der grausamsten Art. Die Bilanz seiner fast 30-jährigen Diktatur: mindestens 38 Millionen Tote und ein völlig traumatisiertes Volk.

Erst mit dem Tod Maos endeten diese schrecklichen Experimente. Sein Nachfolger Deng Xiaoping öffnete das Land, ließ freie Märkte zu. „Ausprobieren“, lautete sein Motto. Was sich bewährte, sollte fortgesetzt werden. Ging etwas schief, wurde es verworfen. Mit ideologischen Scheuklappen räumte er auf. An der KP-Herrschaft hielt aber auch er fest.

Mit dieser Politik setzte Deng den größten Wohlstandsgewinn in Gang, den es in der Menschheitsgeschichte gegeben hat. Lebten zu Beginn seiner Reformpolitik 90 Prozent der rund eine Milliarde Chinesen unter der Armutsgrenze, ist absolute Armut heute in der Volksrepublik passé. Ein Drittel der Bevölkerung weist einen Wohlstand auf, der vergleichbar ist mit dem westlicher Industriestaaten. China entwickelte sich zur größten Handelsmacht und zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt. Deng war der Architekt eines Systems, in dem freie Märkte erfolgreich in einem politisch unfreien Rahmen funktionieren. Gucci und Prada unter Hammer und Sichel.

Nachbarschaftskomitees propagiert die KP zwar noch. Und mit 90 Millionen Mitgliedern ist sie so groß wie nie. Doch die meisten treten heute aus Karrieregründen bei. Nur wer Mitglied ist, hat gute Chancen auf einen Aufstieg, in einer Behörde oder einem Staatsunternehmen. Der kommunistische Gedanke an sich spielt heute keine Rolle mehr. Was zählt, ist allein das eigene Fortkommen.

Bleibt der Nationalismus. Den setzt die Führung zuweilen ein. Wenn sie den Erwartungen nicht gerecht wird, setzt er sie allerdings auch unter Druck. Das zeigt sich aktuell am Handelsstreit mit den USA. Um einen zu großen wirtschaftlichen Schaden für das Land abzuwenden, ist die chinesische Führung an einer Lösung mit Washington interessiert. Macht sie allerdings zu große Zugeständnisse, könnte ihr das im eigenen Land als Schwäche ausgelegt werden.

Doch auch gesellschaftlich wird es für die Führung schwieriger. Die wachsende Mittelschicht fordert von ihrer Regierung eine nachhaltigere und sozialere Entwicklung. Forderungen nach mehr Mitbestimmung und Demokratie werden derzeit zwar nur in Hongkong laut. Doch auch auf dem chinesischen Festland sind immer mehr Menschen gut ausgebildet und wollen mitreden.

Ein Drittel der chinesischen Bevölkerung lebt nach wie vor von wenig mehr als dem Anbau auf den ihnen zugeteilten Parzellen. Die Kalkulation der Führung: Sollen alle Chinesen am Wohlstand teilhaben, kann sich das Land nur eine Landbevölkerung von unter zehn Prozent leisten. Für alle anderen müssen Jobs im Dienstleistungssektor oder der Industrie geschaffen werden. Momentan holt der Staat jährlich zwischen zehn und 20 Millionen Menschen vom Land in die Städte und versorgt sie mit Wohnungen und Arbeitsplätzen. Das schafft Wachstum.

Irgendwann im Laufe des nächsten Jahrzehnts wird diese Entwicklung aber zu Ende gehen. Spätestens dann wird sich Chinas Führung wieder neu erfinden müssen.

 Feiern mit großem Pomp: Ein paramilitärischer Polizist steht vor einer Leinwand, die den bevorstehenden 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ankündigt.
Feiern mit großem Pomp: Ein paramilitärischer Polizist steht vor einer Leinwand, die den bevorstehenden 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China ankündigt. FOTO: dpa / Ng Han Guan
China feiert 70. Jahrestag mit Militärparade FOTO: dpa / Ng Han Guan