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| 08:47 Uhr

Analyse
Rechte und selbstgerechte Literaten

So politisch wie jetzt in Leipzig war schon lange keine Buchmesse mehr. Es geht um Flüchtlinge, die AfD und um Meinungsfreiheit. Dass dabei ausgerechnet ein völkischer Verlag zur Mäßigung mahnt, sollte zu denken geben. Lothar Schröder

So politisch wie jetzt in Leipzig war schon lange keine Buchmesse mehr. Es geht um Flüchtlinge, die AfD und um Meinungsfreiheit. Dass dabei ausgerechnet ein völkischer Verlag zur Mäßigung mahnt, sollte zu denken geben.

Die fiese Ecke der Leipziger Buchmesse findet sich hinten in Halle 3. Mit den Ständen des rechten Antaios-Verlags von Götz Kubitschek und gleich gegenüber mit der erheblich rechteren Stiftung Europa Terra Nostra - deren aktueller Spitzentitel "Handbuch für die echten Rechten" sich der "Schicksalsfrage" stellt, wie dem "kulturellen Niedergang der angestammten Völker" zu begegnen sei - wird das Areal zum politisch kontaminierten Gelände für alle Gutmeinenden. Und die waren auf Buchmessen bislang nicht nur in der Mehrheit, sondern gefühlt auch stets unter sich.

Haben sich die Zeiten gewandelt? Die Erregtheit der jüngsten Debatten scheint das zu bestätigen, die Faktenlage nicht. Die in Leipzig an vielen Orten und zu diversen Gelegenheiten vorgetragenen Bekenntnisse zur Meinungsfreiheit sind allesamt richtig, lauter und noch auf Jahre zitierfähig. Doch schleicht sich auf manchen Podien auch der Verdacht ein, dass all das ein Luxusproblem sein könnte.

Die Gefahr einer systemgefährdenden Bedrohung unserer Rechtsordnung ist gering, die Zahl der Kassandrarufe dazu ist es längst nicht mehr. Aber vielleicht sollte man auch gar nicht darüber staunen, dass ein paar kleineren Anlässen ein derartiges Erregungspotenzial innewohnt. Unser Staunen sollte sich vielmehr der Frage widmen, warum es so lange so ruhig und der Betrieb nahezu störungsfrei geblieben ist.

Die Buchmesse in Leipzig trifft der Streit nicht überraschend. Im weiten Vorfeld wurde darüber debattiert, ob es richtig sei, rechtsextreme Verlage überhaupt zuzulassen. In Leipzig traf man die gleiche Entscheidung wie schon ein halbes Jahr zuvor in Frankfurt: Ja, eine Zensur findet nicht statt, auch auf die Gefahr, dass mit lautstärkeren Demos und Gegendemos ungewohnte Töne angeschlagen werden.

Den unmittelbaren Prolog zur Bücherschau aber gab es im benachbarten Dresden. Dort hatte Uwe Tellkamp in einem Streitgespräch mit Durs Grünbein die Flüchtlingspolitik hierzulande sowie den politischen Islam kritisiert. Dabei sagte er, dass 95 Prozent der Migranten nicht vor Krieg und Verfolgung flöhen, sondern in deutsche Sozialsysteme einwandern wollten. Daraufhin wurde ihm die Nähe zur AfD und zur ausländerfeindlichen Pegida-Bewegung attestiert.

Ausgerechnet Tellkamp, der Vorzeige-Autor aus dem tiefen Osten. Tellkamp ist kein Akif Pirinçci, der frühere Katzenkrimiautor und heutige Pegida-Redner. Tellkamp hat vor zehn Jahren den deutschen Buchpreis bekommen für seinen Roman "Der Turm", der all jene zufriedenstellte, die so lange schon auf den deutschen Großroman vor und nach dem Mauerfall warteten. Und dann das. Suhrkamp reagierte umgehend und distanzierte sich öffentlich von der politischen Meinung des Autors. Aus Sicht des Verlags mag das ein Bekenntnis gewesen sein sowie eine Reminiszenz an die 60er und 70er, als Suhrkamp der bundesrepublikanischen Debattenkultur seinen Namen gab. Doch es bleibt ein in der Branche ungewöhnlicher und kommunikativ bedenklicher Vorgang.

Die Leipziger Buchmesse konnte also gar nicht anders, als die politischste seit Jahren zu sein. Sie wäre es lieber nicht geworden. Schließlich geht es hier auch ums Geschäft. Und die Zahlen sind insgesamt nicht rosig. Von 2013 bis 2017 ist die Zahl der Buchkäufer in Deutschland um 6,4 Millionen Leser zurückgegangen und jetzt bei 29,6 Millionen angekommen. Politische Debatten mögen zwar ein Beleg für Vitalität sein; Bestseller bringen sie nicht hervor.

Dass Buchhandel tatsächlich auch etwas mit Geschäft und Dienstleistung zu tun hat, mussten dann jene betonen, die davon leben und dennoch politisch nicht sprachlos sind. Kein Zensor wolle man sein, auch kein Missionar, erklärte Susanne Dagen, die das Dresdner Buchhaus Loschwitz leitet und deshalb zu einer der bekanntesten Buchhändlerinnen wurde, weil sie bekennende AfD-Wählerin ist. Zwar verkaufe sie keine rechtsradikale Literatur; doch werden bei ihr zunehmend politische Bücher verlangt. Und da orientiere sie sich an den Wünschen der Kunden. Selbstverständlich gehöre auch Rolf Peter Sieferles umstrittenes "Finis Germania" dazu, in dem Deutschland - angeblich konfrontiert mit permanenter Kollektivschuld - eine Opferrolle zugeschrieben wird. Auf der Messe wird dieses Buch beim Antaios-Verlag prominent beworben. Man muss viel aushalten bei diesen Debatten, etwa mit der Vergabe von Titeln: Durs Grünbein wird Gesinnungsethiker, Uwe Tellkamp hingegen Verantwortungsethiker genannt.

Bei aller Diskussionsfreude - mit wirklicher Kommunikation hat das noch nicht viel zu tun. Etiketten werden wie Preisschilder im Supermarkt vergeben, Gehege werden errichtet, in denen der eine oder die andere unterkommt. Das führt in Leipzig zu ungewohnten Schulterschlüssen: Während im Gewandhaus zur Eröffnung feierlich die Meinungsfreiheit beschworen und vor der Gefahr rechtsextremer Publizistik gewarnt wird, bläst die studentische Jugend mit ihrer Demo auf dem Vorplatz bei kaltem Ostwind ins gleiche Horn. So viel Einklang war selten.

Das macht Distanzierungen und Ausgrenzungen leichter. Wie einfach es doch ist, einen Autor wie Uwe Tellkamp verbal zu vermöbeln, der gestern als Folge der Debatte um seine Person die für Norddeutschland geplante Lesereise absagte. Und wie selbstgerecht es scheint, alles vermeintlich Rechte, Unliebsame und Unbequeme zu diskreditieren. Doch echter Dialog ist nie die Vergewisserung der eigenen Meinung. Er kann schmerzen und kann auch unversöhnlich sein, doch wer ihn nicht führt, darf sich über Tendenzen der Radikalisierung nicht wundern. Ausgerechnet am Antaios-Stand war dies großformatig zu lesen: "Die mit Schaum vorm Mund lesen, werfen gerne anderen vor, sie schreiben mit Schaum vorm Mund." "Toleranz und Vielfalt" ließ der Börsenverein an allen Drehkreuzen zur Messe kleben. Die Banalität deprimiert. Doch die Notwendigkeit erschreckt.

Was bleibt? Vielleicht die Rede von Buchpreisträgerin Asne Seierstad zur Eröffnung mit den Worten: "Wir müssen dafür kämpfen, den Bereich in der Mitte auszuweiten, wo die komplexen, komplizierten, verwundbaren Ideen von Toleranz und Verständnis wohnen."