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Rosneft
Putins graue Eminenz Igor Setschin

Moskau. Der 57jährige Portugiesisch-Dolmetscher, der sein Handwerk beim russischen militärischen Nachrichtendienst GRU in Angola lernte, macht immer einen mürrischen Eindruck. Selten lächelt er, es scheint für ihn eine Kraftakt zu sein. Auch das Reden in der Öffentlichkeit meidet er. Interviews mit Setschin sind in den letzten zwei Jahrzehnten an einer Hand abzählen trotz führender Posten im Rücken seines Chefs Wladimir Putin.

Der Generaldirektor des weltweit größten Ölkonzerns Rosneftist ein verschlossener Mensch. Zurückhaltung und Verschwiegenheit gehören zur Ausbildung eines Geheimdienstlers. Setschin scheint dies jedoch zu einer Spezialdisziplin entwickelt zu haben.

Nach außen vermittelt er den Eindruck eines getreuen Gehilfen. Putin und Setschin begegneten sich Anfang der 1990er Jahre in St. Petersburg. Der heutige Kremlchef bekleidete damals den Posten des Vizebürgermeisters an der Newa und machte Setschin zum Kanzleichef.

Seitdem sind beide unzertrennlich. Als Putin in die Präsidialverwaltung zu Boris Jelzin nach Moskau wechselt, folgt ihm Setschin auch dorthin. Als Putin vorübergehend Russlands Ministerpräsident wird, holt er den Getreuen als Stellvertreter nach. Wo der Chef hingeht, dort wird auch der treue Gefolgsmann sein.

Auf den ersten Blick gleicht der Romanist einem farblosen Bürokraten. Einem Befehlsempfänger, der höchste Erfüllung darin findet, Dienst gewissenhaft zu erledigen.

Das täuscht indes. Putin teilt angeblich nur mit Igor Setschin die teuersten und intimsten Geheimnisse. Ein Minister fasste deren Verhältnis Anfang der Nullerjahre noch in die Formel: Setschin sei ein Teil der Gehirnzellen Putins. Buchstäblich eine Symbiose.

Über die Jahre hat Setschin jedoch eigene Konturen entwickelt. Er gilt als graue Eminenz, manche sehen in ihm einen Dämon, der Böses im Schilde führt. Putin würde das so nicht durchgehen lassen. Im kleinen Kreis sagte der Kremlchef vor Jahren einmal: „Setschin - das bin ich“. Mit anderen Worten, wo Setschin draufsteht, steckt tatsächlich Wladimir Putin drin.

Nach außen funktioniert die Arbeitsteilung vortrefflich. Setschin ist der Mann fürs Grobe, Wladimir Putin erscheint im Vergleich zu ihm wie ein umgänglicher, ja liberaler Geist. Je schlechter Setschins Ruf, desto besser steht der Kremlchef da.

Der CEO des Rosneft-Konzerns wirkt wie ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit. Er gibt sich auch keine Mühe, das zu verbergen.

Setschin drängt auf Expansion. 2004 brachte er den Ölmagnaten Michail Chodorkowskij hinter Gitter. Rosneft, damals noch ein kleines Unternehmen, verleibte sich die Filetstücke des Yukos Konzerns ein. Auch den Ölriesen TNK-BP konnte sich Rosneft zu günstigen Konditionen unter den Nagel reißen.

Jüngstes Beutegut ist der Ölproduzent Baschneft, den Rosneft dem Oligarchen Wladimir Jewtuschenkow abnahm. Der willigte zähneknirschend ein. Angeblich sei die Privatisierung nicht sauber gewesen, behauptete Setschin. Rosneft hatte sein Ziel erreicht. Kurz darauf verlangte der Konzern indes noch eine Entschädigung in Milliarden Dollarhöhe. Jewtuschenkows Mischkonzern Sistema hätte bei der Übernahme von Baschneft Werte vernichtet, lautete die Begründung Da der Dollar seither schwächer geworden sei, müsse Sistema nun auch noch für die Währungsdifferenzen aufkommen. Zu einer Nachzahlung von 2,3 Milliarden Dollar verurteilte ein Moskauer Gericht Sistema im Sommer.

Wirtschaftsminister Alexei Uljukajew, der sich gegen die Einverleibung Baschnefts durch Rosneft ausgesprochen hatte, befindet sich seit November unter Korruptionsverdacht in Haft. Er soll angeblich zwei Millionen Dollar für die Zustimmung seines Ministeriums verlangt haben, behauptet der Rosneft Direktor.

Trotz des gestiegenen Ölpreises sind die Gewinne des größten russischen Ölproduzenten in diesem Jahr um 22 Prozent geschrumpft. Setschin kann das nichts anhaben. Auch Aufsichtsratsneuling Gerhard Schröder wird wohl keine Betriebsprüfung verlangen.