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| 14:08 Uhr

Schwierige Aufarbeitung
Plötzlich Nacktfotos in den Briefkästen

Magazinraum in Brandenburgs einziger Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder). Brandenburgs Aufarbeitungsbeauftragte für Stasi-Unterlagen war bis August 2017  Ulrike Poppe, die zu DDR-Zeiten von der Stasi drangsaliert wurde..
Magazinraum in Brandenburgs einziger Stasi-Unterlagenbehörde in Frankfurt (Oder). Brandenburgs Aufarbeitungsbeauftragte für Stasi-Unterlagen war bis August 2017 Ulrike Poppe, die zu DDR-Zeiten von der Stasi drangsaliert wurde.. FOTO: Patrick Pleul / dpa
Berlin. Wer als DDR-Bürger Opfer von Zersetzungsmaßnahmen der Staatssicherheit wurde, kann kaum auf Entschädigung hoffen. Von Benjamin Lassiwe

Auf einmal waren da diese Fotos. In ganz Vipperow tauchten sie im September 1983 in den Briefkästen auf. „Sie zeigten mich selbst, in nackter Schönheit“, erinnert sich Markus Meckel. „Dazu der Satz: Dat is uns Paster.“ Der Bürgerrechtler, spätere letzte Außenminister der DDR und SPD-Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg war Pastor in dem kleinen mecklenburgischen Dorf an der Südspitze der Müritz. Seit 1982 traf sich in seinem Pfarrhaus eine Friedensgruppe – genug Anlass für die Stasi, aktiv zu werden.

Einige Tage später gab es wieder Fotos in den Briefkästen und am Konsum: Eine Fotomontage, Meckel und eine junge Frau, beide unbekleidet. Die Bilder wurden Dorfgespräch – bis eine ältere Einwohnerin zu den um den Konsum versammelten Mitbürgern sagte: „Eines müsst Ihr euch merken: Wem nutzt das?“

Markus Meckel war Opfer von „Zersetzung“ geworden. So nannte die Stasi selbst eine Methode, um „Personen lautlos zu zerstören, so dass sie seelisch und in ihrem sozialen Handeln beeinträchtigt wurden“, sagt die Politologin Sandra Pingel-Schliemann, die über das Thema promoviert hat. Am Mittwochabend war sie zu Gast in der Berliner Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern. In dem gemeinsam mit Brandenburg genutzten Gebäude wurde eine kleine, noch bis zum 6. April gezeigte Wanderausstellung zu diesem Thema eröffnet, die der Verein „Denkstätte Teehaus Trebbow“ gemeinsam mit Pingel-Schliemann auf die Beine gestellt hat. „Die Zersetzung hätte nicht funktioniert, wenn die anderen nicht alle mitgemacht hätten“, sagt Pingel-Schliemann. „Die IM, die Kader in den Schulen, die Hausnachbarn, die Medien, die Polizisten.“ So berichtete die frühere Brandenburger Aufarbeitungsbeauftragte Ulrike Poppe davon, wie sie in den 80er-Jahren Woche für Woche zum Wohnungsamt lief, ohne eine Wohnung zu erhalten. Bis sie einen Blick auf ihre Karteikarte werfen konnte, auf der mit roter Farbe stand: „Ist nicht mit einer Wohnung zu versorgen.“ „Das Ziel war, uns das Leben so schwer zu machen, dass wir einen Ausreiseantrag stellen“, sagte Poppe. Mehrfach wurde ihr der Kinderwagen gestohlen, regelmäßig wurden ihr vor dem Konsum die Reifen des Fahrrads zerstochen. Heute weiß sie: Das war die Stasi. „Aber wenn wir die Akten darüber nicht hätten, würden wir vermutlich für geltungsbedürftige Spinner gehalten, weil uns niemand glauben würde, dass die Stasi etwas so banales wie den Diebstahl eines Kinderwagens organisierte.“

Und die perfiden Methoden der Stasi zeigen manchmal gar bis heute Wirkung: „Ich habe erst letzte Woche mit einem Mann gesprochen, bei dem die Menschen bis heute zurückzucken, wenn er sich irgendwo vorstellt – weil die Stasi das Gerücht in Umlauf brachte, er sei alkoholabhängig“, sagte die Mecklenburger Stasi-Beauftragte Anne Drescher. Doch Entschädigungen für die Zersetzungsopfer gebe es häufig nicht. „Wie soll man denn auch belegen, dass einem aus politischen Gründen der Kinderwagen geklaut wurde?“

Dennoch sei es „kaum zu verstehen“, wie schwer sich der Rechtsstaat mit der Anerkennung der Lebensschicksale von Stasi-Opfern tue, sagt die Leiterin der Landesvertretung von Mecklenburg-Vorpommern, Staatssekretärin Bettina Martin (SPD). Die Zahl der Menschen, die erstmals Kontakt zur Aufarbeitungsbeauftragten suchen, liegt seit Jahren konstant bei etwa 1000. Und viele Menschen trauten sich noch immer nicht, diesen Schritt zu machen. „Deswegen ist es wichtig, dass die Antragstellung nach dem Unrechtsbereinigungsgesetz über das Jahr 2019 möglich ist“, sagt Martin. Die ostdeutschen Bundesländer hätten dies Ende 2017 im Bundesrat gefordert, die Große Koalition habe das aufgegriffen. „Ich gehe deswegen fest davon aus, dass diese Entfristung auch kommen wird.“