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| 18:48 Uhr

Debatte um Integration ist entflammt
Özils Abgang ist in aller Munde

Februar 2012: Mesut Özil zieht nach einem Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich im Weser-Stadion das Deutschland-Trikot aus. Und nun verkündete er, er wird es für die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr anziehen. Grund: Rassismus-Erfahrungen und mangelnder Respekt.  Nun ist eine Debatte zum Thema Integration in Deutschland losgebrochen.
Februar 2012: Mesut Özil zieht nach einem Freundschaftsspiel Deutschland gegen Frankreich im Weser-Stadion das Deutschland-Trikot aus. Und nun verkündete er, er wird es für die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr anziehen. Grund: Rassismus-Erfahrungen und mangelnder Respekt.  Nun ist eine Debatte zum Thema Integration in Deutschland losgebrochen. FOTO: dpa / Julian Stratenschulte
Berlin. Politiker und politische Verbände äußern sich. Manche nachdenklich, manche kritisch.

Im Jahr 2014, nach dem Gewinn des WM-Titels in Brasilien, war Mesut Özil noch Ehrengast beim Bundespräsidenten. Damals erhielt auch er aus den Händen von Joachim Gauck das „Silberne Lorbeerblatt“, die höchste staatliche Auszeichnung für Sportler. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war im Schloss Bellevue mit dabei. Am Montag ließ sie mitteilen, Özil sei ein „toller Fußballspieler“.

Einer freilich, der nach 92 Spielen nicht mehr für das Land auflaufen will, in dem er geboren worden ist. Özils Entschluss ist zum Politikum geworden. Denn nach der Kontroverse um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan begründete er seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft unter anderem mit Rassismus und fehlender Anerkennung.

Die Kanzlerin ließ mitteilen, Özil habe „eine Entscheidung getroffen, die zu respektieren ist“. Mehr wollte Merkel ihre stellvertretende Regierungssprecherin nicht sagen lassen, auch nichts Erhellendes zu den Rassismus-Vorwürfen. Merkel und Özil verbindet freilich eine besondere Beziehung.

So sorgte 2010 ein Foto von beiden für Wirbel. Damals war Merkel nach dem EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei in die Kabine geeilt und schüttelte dem halbnackten Özil die Hand – ein Bild mit Symbolwert angesichts der Dauerdebatte um Migranten. Gleichwohl brachte das Foto der Kanzlerin auch Kritik ein. Sie instrumentalisiere den Fußball, hieß es damals.

Von Unverständnis bis zu mahnender Zustimmung, so reagiert das politische Berlin auf Özils Befunde und Kritik. Außenminister Heiko Maas (SPD) meinte: „Ich glaube nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland.“

Demgegenüber warnte seine Parteifreundin, Justizministerin Katarina Barley: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.“

Der frühere Grünen-Chef Cem Özdemir, der zuvor schon scharf mit dem Verband und dessen Verhalten in der Foto-Affäre ins Gericht gegangen war, meinte: „Es ist fatal, wenn junge Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf.“ Leistung gebe es nur mit Vielfalt. „So sind wir 2014 Weltmeister geworden. Und Frankreich jetzt.“

In den sozialen Netzwerken geht es hoch her. Auch bei den Politikern. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel twitterte: „Wir gehören zusammen und wir akzeptieren Rassismus never ever.“ Annette Widmann-Mauz (CDU), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, schrieb auf Twitter: „Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln, müssen sich Nationalspieler Kritik gefallen lassen, wenn sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben. Zugleich darf diese berechtigte Kritik nicht in pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen.“

Auch aus der Türkei kamen Reaktionen. „Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen“, so der türkische Sportminister Mehmet Kasapo. Der türkischen Regierung kommt die in Deutschland entflammte Debatte nur recht, denn schon seit Langem steht es um die Beziehungen beider Länder nicht sonderlich gut. Der türkische Justizminister Abdulhamit Gül äußerte sich ebenfalls bei Twitter und schrieb: „Ich gratuliere Mesut Özil, der mit seinem Ausscheiden aus der deutschen Nationalmannschaft gegen den faschistischen Virus sein schönstes Tor geschossen hat. Möge dein Weg und das Glück dir offen stehen.“

Die Kurdische Gemeinde Deutschland hat Özils Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft begrüßt. Er sei angesichts seines „unhaltbaren politischen Statements“ durch das Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan überfällig gewesen, erklärte der Bundesvorsitzende Ali Ertan Toprak am Montag in Gießen. Die Erklärung zu seinem Rücktritt und dazu, dass er das Foto mit dem türkischen Präsidenten immer wieder machen würde, zeige, dass er nicht aus Naivität, sondern sehr bewusst und „respektlos gegenüber den vielen Opfern des Erdogan-Regimes“ gehandelt habe.

Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes, sagte: „Anders als Özil behauptet, ist ein Foto mit dem für die Abschaffung der Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei gefürchteten Autokraten politisch. Und natürlich musste das kritische Fragen aufwerfen.“ ⇥mit dpa/epd/sid