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| 19:51 Uhr

Washington
Nichts Halbes und nichts Ganzes

US-Präsident Donald Trump hat künftig ein demokratisch geführtes Repräsentantenhaus gegen sich. Im Senat hat er – mit aller Wucht seines Wahlkampfes – einen Sieg der Blauen verhindert.
US-Präsident Donald Trump hat künftig ein demokratisch geführtes Repräsentantenhaus gegen sich. Im Senat hat er – mit aller Wucht seines Wahlkampfes – einen Sieg der Blauen verhindert. FOTO: dpa / Pablo Martinez Monsivais
Washington. Die USA haben gewählt. Ein eindeutiges Ergebnis gibt es aber nicht. Der Kongress wirkt ähnlich gespalten wie der Rest des Landes.

Nancy Pelosi steht an einem Rednerpult, doch bevor sie etwas sagt, führt sie ein Freudentänzchen auf, spontan und mädchenhaft ausgelassen. Es ist spät im Kapitol zu Washington, knapp eine halbe Stunde vor Mitternacht. Die 78 Jahre alte Politikerin hat zwei Enkelsöhne mitgebracht, einer reibt sich vor Müdigkeit die Augen. Ein wenig erinnert die Szene an die Wahlnacht des Novembers 2016, als Donald Trump seinen zehnjährigen Sohn Barron in einen New Yorker Hotelsaal schob, um mitten in der Nacht seinen Überraschungssieg über Hillary Clinton zu feiern.

Der Freudentanz verrät, wie viel Anspannung von dieser Frau gewichen ist. Zumal sie sich nicht sicher sein konnte, ob die Umfragen die Lage einmal mehr schönfärbten für ihre Partei und die Nacht im Kater enden würde. Die ausgelassene Nancy Pelosi, es ist die Szene des Abends. „Morgen bricht ein neuer Tag in Amerika an“, ruft sie, als sie schließlich redet. Bei dieser Wahl, sagt sie, sei es um mehr gegangen als um Demokraten oder Republikaner. Nämlich um die Wiederherstellung der „checks and balances“, um die Möglichkeit, die Regierung Donald Trumps wirksam zu kontrollieren.

Trump hatte das zunächst noch unvollständige Resultat zu der Zeit schon mit einem Tweet kommentiert, wie üblich voller Selbstsicherheit. „Gewaltiger Erfolg heute Abend“, schrieb er.

Es ist, als wären an diesem 6. November zwei verschiedene Wahlen über die Bühne gegangen, und so stimmt es in gewisser Weise ja auch. Die Demokraten haben den Republikanern die Mehrheit im Abgeordnetenhaus abgenommen. Die Republikaner wiederum haben ihre Majorität im Senat nicht nur behauptet, sondern noch ausgebaut. Mike Allen, Gründer von Axios, einer für Washington-Insider unverzichtbaren Online-Plattform, bringt es auf den Punkt. Die Midterms, doziert er, hätten einen gespaltenen Kongress produziert, symbolisch für die Spaltung des Landes.

Die Demokraten mussten netto 23 Mandate im Abgeordnetenhaus hinzugewinnen, um die Mehrheit zu bilden. Die Hürde haben sie relativ locker genommen, vor allem, weil die Frauen der Mittelschicht aufbegehrten gegen einen Präsidenten, für den sie sich schämen – wegen seiner Sprache, seiner Lügen, seiner Verharmlosung sexueller Übergriffe. In Suburbia, im prosperierenden Vorortmilieu um die Großstädte, verpassten sie Trump einen Denkzettel, indem sie sich trotz guter Wirtschaftslage von den Republikanern abwandten.

„The Year of the Woman“, lautet tags darauf eine oft wiederholte Medienschlagzeile. Was nicht allein an den rebellischen Wählerinnen aus dem Speckgürtel liegt, sondern auch an einem neuen Rekord. Wenn das Endergebnis feststeht, dürften mindestens 100 Frauen im Repräsentantenhaus mit seinen 435 Sitzen vertreten sein, darunter erstmals zwei Musliminnen.

Im Repräsentantenhaus dürften die Blauen, die Demokraten, Trump fortan das Leben schwer machen, sie haben nunmehr die Mittel dazu. Vorbei die Zeit, in der sie zwar protestieren, aber im Grunde nur ohnmächtig zuschauen konnten. In den Ausschüssen der Kammer werden im Januar ausnahmslos Demokraten den Vorsitz übernehmen, was bedeutet, dass sie Untersuchungen einleiten, die den Präsidenten womöglich in Verlegenheit bringen.

Die erhoffte „blaue Welle“, die Trump aus dem Amt spülen sollte, ist in dieser Wahlnacht allerdings ausgeblieben. Im Senat halten die Republikaner ihre Mehrheit. Und auch der demokratische Hoffnungsträger Beto O’Rourke scheiterte in Texas am erhofften Wunder, Amtsinhaber Ted Cruz zu schlagen.

Endgültige Klarheit über die Besetzung der beiden Kammern wird es erst Ende November geben. Manche Ergebnisse sind noch zu knapp, andere gehen in die Stichwahl.

Kongresswahlen in den USA
Kongresswahlen in den USA FOTO: dpa